Buch – Béla Barényi und seine Erben

Ein großer Pionier der Fahrzeugsicherheit war Béla Barényi, der lange Zeit bei Mercedes aktiv war. Ein neu erschienenes Buch aus dem Motorbuch Verlag blickt auf Sicherheitstechnik made by Mercedes-Benz. Hierbei stellen die Ansätze von Barényi nur den Anfang dar …

Das Buch kommt im klassischen Format und zeichnet sich damit durch ein leichtes Handling aus. Das Vorwort stammt von Prof. Dr. Rodolfo Schöneburg, der als Leiter Fahrzeugsicherheit, Betriebsfestigkeit und Korrosionsschutz Mercedes-Benz Cars das Erbe von Barènyi bis heute in die Gegenwart trägt. Das Buch teilt sich dann in 12 Kapitel auf und zum Start blickt es weit in die Vergangenheit zurück. Es wird analysiert welches die ersten Probleme mit der neuen Technologie Automobil waren. Ein erster Ansatz zur Sicherheit der Insassen war die geschlossene Karosserie. So wurden die Insassen nicht mehr herausgeschleudert oder lagen nach einem Unfall unter den offenen Automobilen. Das Umkippen war auch eine der ersten Gefahren, bedingt durch den hohen Aufbau. Dazu kam die starre Lenksäule, die für den Fahrer eine hohe Verletzungsgefahr war. Das Automobil war natürlich noch sehr neu aber eine Entwicklung in Sachen Sicherheit schien für viele Hersteller zunächst nebensächlich.

Dann folgt der genauere Blick auf Béla Barényi und seine Jugendjahre. Hier erfährt der Leser interessante Hintergründe zu dem im Jahr 1907 in Hirtenberg geborenen Erfinder. Er stammte aus guten Elternhaus und kam so auch schon früh mit dem noch neuen Automobil in Berührung. Durch den verheerenden ersten Weltkrieg verlor Barényi seinen Vater und wurde schließlich Staatsbürger der Tschechoslowakei. Nach der Weltwirtschaftskrise verlor seine Familie auch die letzten Rücklagen und waren so teilweise nicht mehr in der Lage die Schulgebühren zu zahlen. Der Fortschritt bei den Automobilen führte inzwischen dazu, das die Suche nach der höchsten Geschwindigkeit immer mehr thematisiert wurde, gleichzeitig schritt aber auch die Mobilisierung der Massen voran durch erschwingliche, kleine Automobile.
Fasziniert von diesen vielfältigen technischen Entwicklungen studierte Barényi Maschinenbau am Wiener Technikum. Als eine der ersten Arbeiten optimierte Barényi das Lenkrad der Ford T, welches in der Mitte spitz ausgeführt war. Neben der starren Lenksäule eine weitere Gefahr, allerdings wurde das Lenkrad mit tiefer und breiter Nabe nie in ein Auto eingebaut. Stattdessen war ein bobähnlicher Schlitten sein Versuchsobjekt. Dann begann er mit ersten Arbeiten am einem „kommenden Volkswagen“, wie er die Studien selbst betitelte, die Barényi schon im Jahr 1925 anfertigte. Er setzte auch weitere Studien um, die teilweise auch veröffentlicht wurden. Das Buch zeigt auch einige alte Skizzen, die schnell erkennen lassen mit wieviel Erfindergeist Barényi ausgestattet war.

Nach jeweils recht kurzen Anstellungen unter anderem bei Steyr, Austro-Fiat und Adler war schließlich die Daimler-Benz AG sein großes Ziel. Durch den Zusammenschluss der Daimler Motorenwerke und Benz & Cie. entstand im Jahr 1926 die Daimler-Benz AG. Im Sinne der beiden Namensgeber Gottlieb Daimler und Karl Benz bestand die Hoffnung auf eine hohe technische Leistung. 1939 trat er dann schließlich seine Anstellung in Stuttgart an. Seine erste Arbeit war der Versuchswagen II, der durch einen optimieren Plattformrahmen schon eine deutliche Besserung, der bei den in Cabriolet üblichen Schüttelschwingungen ermöglichte, als die üblichen X-Rahmen. Durch den zweiten Weltkrieg wurde die Produktion bei Daimler-Benz schnell auf Kriegsproduktion umgestellt und Barényi nahm im Jahr 1940 die deutsche Staatsbürgerschaft an. Durch seine Hüftverstellung wurde er nicht eingezogen und konnte weiter an seinen neuen Patenten arbeiten.
Als nach dem Krieg die Produktion wieder anlief, wurde auch Barényi wieder bei der Daimler-Benz AG eingestellt und konnte seine revolutionäres Automobilkonzept, den Terracruiser vorstellen. Als weiteres Projekt schuf er den Concadoro, der den Gedanken des „wirklichen Volkswagen“ weiterverfolgte. Der beachtliche Erfindergeist Barényis führte in den Projekten zu unglaublich vielen Innovationen, die in zahlreichen Patenten mündeten.

Die passive Sicherheit wurde ab Mitte der 50er Jahre bei Daimler-Benz immer mehr zum Thema, vor allem durch die Ideen von Béla Barényi und seinem Vorgesetzten Karl Wilfried. So waren die ersten Ansätze die hervorstehenden Schalter und Kanten im Innenraum zu entfernen um das Verletzungsrisiko zu verringern. Dann verhinderte das Keilzapfentürschloss das Aufspringen der Tür bei einem Unfall und somit das mögliche Herausschleudern der Insassen aus dem Fahrzeug. Ein weitere Meilenstein war die Knautschzone, die es ermöglichte die den Insassen weniger gefährdenen Bereiche gezielt verformen zu lassen. Hier führte man bei Daimler-Benz auch erste Crashtests durch, welche die Funktion dieser Idee bestätigten. So ging der 1959 vorgestellte Mercedes-Benz 220 als erster Serienwagen mit dieser technologischen Innovation in Produktion. Rasant schritt die Entwicklung voran und die Sicherheit der Insassen konnte maßgeblich verbessert werden.
Doch Barényi kümmerte sich nicht ausschließlich um die Aspekte der Sicherheit, wie schon die kompletten Fahrzeugprojekte Terracruiser und Concadoro bewiesen. Unglaubliche 2.500 Patente meldete Béla Barényi bis zum Ende seines Schaffens an. Davon waren Großteile so innovativ das auch heute noch Erfindungen von ihm zu Rate gezogen werden. Bei Daimler-Benz war er auch verantwortlich für das Pagodendach, welches den SL der Baureihe W113 in die Serie trug. Auch einige interessante Ideen rund um das Thema Camping mit dem Automobil stammen von Barényi. So schuf er einen Dachaufsatz der zu unterschiedlichen Zwecken genutzt werden konnte. Es kam auch zu Streitigkeiten mit seinem Arbeitgeber, als es um die Nutzung seiner Patentrechte ging. Béla Barényi erhielt verdientermaßen zahlreiche Auszeichnungen für seinen unglaublichen Erfindergeist.

Mit dem K-55 schuf er dann auch noch ein „perfektes Alltagsauto“ nach seinen Vorstellung. Wieder gespickt mit unzähligen Innovationen. Er verfügte über einen beachtlichen Raumwirkungsgrad und bot auf 4 Meter Länge einen sehr komfortablen Platz für die Insassen. Etwa 40 Jahre später fand er in der A-Klasse die Bestätigung seines Konzeptes.
Das Buch zeigt wie der Untertitel schon verdeutlicht, auch die weiterführenden Entwicklungen im Hause Daimler-Benz bis zur Einweihung des Technologiezentrums für Fahrzeugsicherheit in Sindelfingen im November 2016. So zeigt das Buch die unterschiedlichen Ansätze zu Optimierung der Sicherheit in unterschiedlichen Bereichen. So die Ansätze der ESF-Forschungsfahrzeuge, die Installation des Unfallsversuchs-Zentrums, die vielen heutzutage selbstverständlichen elektronischen Helfer in Bezug auf Fahrzeugsicherheit. Ein würdiges Erbe.

Fazit: Ein toller Blick auf einen der wichtigsten Erfinder im Automobilbau. Béla Barényi ist an unglaublich vielen Innovationen beteiligt gewesen und hatte einen maßgeblichen Anteil an dem technologischen Vorsprung, den die neusten Modelle von Mercedes-Benz auszeichneten. Mit vielen Abbildungen sowie Skizzen und Zeichnungen erhält der Leser einen Eindruck vom unglaublichen Erfindergeist Barényis. Das er dabei auch viele Neuheiten neben der Sicherheit sein Verdienst waren, zeigt das Buch auch auf. Bis heute wird die Forschung vorangetrieben und zeigt immer noch viele technologischen Meilensteine, sei es Airbag, ESP oder Assistenzsysteme.
Für den Preis von knapp 40 € kann der Leser auf Zeitreise gehen und die Entwicklung der Sicherheit bei Daimler-Benz verfolgen. Für markenaffine Fans eine interessante Lektüre, die für andere sicher ein wenig zu viel Mercedes-Benz bietet. Doch die legendären Innovationen von Béla Barényi sind allemal ein Buch wert, schließlich sind diese ein Stück Automobil-Geschichte.

Bibliografie:
Titel: Béla Barényi und seine Erben – Sicherheitstechnik made by Mercedes-Benz
Autor: Harry Niemann
Umfang: 240 Seiten, 87 S/W-Bilder, 11 Farbbilder, 32 Zeichnungen
Format: 230 x 265 mm
Bindung: gebunden
Auflage: 11/2016
Preis: 39,90 €
ISBN-Nr.: 978-3-613-03870-7
Bestellbar beim Verlag unter: www.motorbuch.de

Text: Marco Rassfeld
Fotos: Daimler, Marco Rassfeld