Buch – Erdmann & Rossi

In der Frühzeit des Automobils stellten viele Hersteller nur das Fahrgestell her und der Kunde hatte die Möglichkeit die Karosserie seiner Wahl darauf zu platzieren. Hierzu gab es einige Karosseriebauer die zumeist mit hoher Flexibilität auch die ungewöhnlichsten Kundenwünsche umsetzten. In Deutschland waren die Aufbauten von Erdmann & Rossi sehr gefragt und so entstanden viele Nobelkarosserien aus Berlin. Ein neues Buch aus dem Verlag Kraftakt blickt zurück auf die Geschichte …

Das Buch kommt im guten, handlichen Format daher und zeigt eine durchaus edle Aufmachung. Der Autor Rupert Stuhlemmer hat das Buch bereits im Jahr 1979 im englischen Verlag Dalton Watson Ltd. erstmalig veröffentlicht. In der Zwischenzeit sind aber natürlich sowohl neue Erkenntnisse, als auch neue Bilder hinzugekommen, so hat das Buch nun auch stattliche 60 Seiten mehr zu bieten. Diese Hintergründe erfährt der Leser auch im Vorwort des Autors welches mit dem Geleitwort von Monika Peters den Start des Buches darstellt. Dann kann sich der Leser an einer doppelseitigen Zeichnung eines von Erdmann & Rossi karosserierten Mercedes-Benz erfreuen. Solche Abbildungen finden sich im gesamten Buch wieder und stellen unterschiedliche Modelle in den Fokus.
Das erste Kapitel blickt dann konkret auf Die Geschichte von Erdmann & Rossi und startet mit der Gründung des ersten deutschen Motorwagen-Vereins im Jahr 1897. Im selben Jahr gründete Willi Erdmann seinen Wagenbaubetrieb in Berlin. Ob es einen Zusammenhang mit den ersten Aktivitäten des Motorwagen-Vereins zusammenhängt oder ein Seitenblick auf die Hofwagenfabrik Jos.Neuss der Anstoß zur Gründung seiner Firma war ist nicht überliefert. Die Wagenfabrik Jos.Neuss hatte damals schon viele Aufträge und kam kaum mit der Produktion hinterher. Auch Erdmann konnte sich schnell über viele Aufträge erfreuen, da die Nachfrage am Bau von Kutschenwagen immer größer wurde. Im Jahr 1906 trat schließlich Eduard Rossi in die Firma ein, man firmierte ab sofort und Erdmann & Rossi und im selben Jahr legte man den Fokus vermehrt auf die noch neuen Automobile. Durch die höheren Anforderungen war ein Umzug erforderlich und fortan erfolgte die Produktion auf fünf Etagen. Im Jahr 1909 verunglückten Rossi allerdings tödlich und Erdmann, der sich aufgrund seines Alters schon aus dem Geschäft weitgehend zurückgezogen hatte, musste nun wieder die Firma leiten. Einen Nachfolger fand er schließlich in Friedrich Peters, der den Betrieb zum 1. Januar 1910 komplett übernahm.

Wirkliche Anekdoten lassen sich unter anderem durch die Schreiben von Clara Peters entdecken, die im Jahr 1953 in einem langen Schreiben am Ihren Schwager Richard Peters schrieb und zurückblickte. So erhält der Leser einen ungeschminkten Blick in die damalige Zeit. Ein weiterer Meilenstein des erfolgreichen Unternehmens war die Übernahme der Firma Jos.Neuss mitsamt der Aufträge und einem Teil der Mitarbeiter. Hierzu bildet das Buch sogar die Schreiben an die Kunden von Karl Trutz, Inhaber von Jos. Neuss und Friedrich Peters nunmehr Inhaber von Jos. Neuss und Erdmann & Rossi ab. Friedrich Peters trat etwa 1936 aus dem Unternehmen aus und verstarb 1937 nach schwerer Krankheit, sein Bruder Richard übernahm die Firma und setzte weiterhin auf die Produktion von Luxuswagen. Während des zweiten Weltkriegs wurde die Produktion für das Militär genutzt und seine damalige Stellung ermöglichte Erdmann & Rossi den Bau von repräsentativen Automobilen für die hohen militärischen Kräfte. Dazu wurden auch eine größere Anzahl von ehemaligen Luxuskarosserien in Militärfahrzeuge umgebaut, hierbei handelte es sich zumeist um Fahrzeuge der Marke Horch. Während eines alliierten Luftangriffs Anfang 1944 wurden dann aber etwa 80% der Produktionsanlagen zerstört. Durch die Blockade von West-Berlin war es Erdmann & Rossi unmöglich die Produktion wieder aufzunehmen und die Nachfrage nach Luxusfahrzeuge war zudem eingebrochen. Dennoch stellt man 1949 noch ein letztes Modell auf Basis einen Maybach vor, dieses stellte aber gleichzeitig die letzte Karosserie von Erdmann & Rossi dar. Nach dem Tod von Richard Peters übernahm sein Sohn Günter Peters die Firma, die mittlerweile eine KfZ-Werkstatt für besondere Automarken war. 1984 kaufte dann Frank Schoth den Betrieb und sah sich  nach kaufmännischen Überlegungen gezwungen die Kfz-Werkstatt im Jahr 2006 endgültig zu schließen. Auf dem Gebiet des Automobils war die Berliner Firma somit stattliche 100 Jahr aktiv.
Das nächste Kapitel stellt das Buch Zwei herausragende Mitarbeiter der Firma vor und blickt auf die Brüder Johannes und Karl Beeskow, die mit ihren Arbeiten in der Konstruktion und beim Design einige der bekanntesten Fahrzeuge von Erdmann & Rossi zu verantworten haben.

Dann folgen die Edelkarosserien aus Meisterhand, bei denen viele der hergestellten Modelle sehr bildgewaltig präsentiert werden. Diese werden nach Marken sortiert vorgestellt und den Fahrzeugen mit einem Chassis von Maybach gebührt der Anfang. Zunächst stellt das Buch die Geschichte der entsprechenden Firma kurz vor und dann folgen viele historische Aufnahme von unterschiedlichsten Modelle mit Erdmann & Rossi-Karosserie. Dazu liefern dann die entsprechenden Bildunterschriften einige Details zu den Fahrzeugen. Durch die konsequente Darstellung mit historischen Abbildungen fühlt man sich als Betrachter in die Zeit zurückversetzt. Neben Maybach folgen zunächst noch Fahrzeuge von Horch und Audi, Rolls-Royce und Bentley und Mercedes-Benz. Hier wird jeder seine eigenen Highlights sicher finden, sei es nun das Horch Coupé von Bernd Rosemeyer oder der auf der Berliner Automobilausstellung präsentierte Mercedes-Benz 170 mit Stromlinien-Karosserie. Hier ist die Auswahl sehr groß und immer wieder finden sich auch tolle Aufnahmen von den Messe-Auftritten der Firma und auch sehr schöne Zeichnungen und Entwürfe lassen sich entdecken. Auch weitere Fahrzeug von unterschiedlichen Herstellern werden im Buch vorgestellt, hier finden sich Minerva, Hispano-Suiza, Graham-Paige, Opel, Bugatti, BMW; Ford, Packard, Cadillac sowie Bleichert wieder. Dies unterstreicht die große Spannweite, die durch die Spezialkarosserie abgedeckt wurde.
Aber auch einige Militärfahrzeuge werden vorgestellt und ebenso auch Geschäftswagen und Busse. Hier ist vor allem der Stromlinenbus für die Deutsche Reichsbahn ein beeindruckendes Exemplar. Das Know How von Erdmann & Rossi wurde sogar bei der noblen Innenausstattung von einigen Flugzeugen genutzt und auch hierzu finden sich natürlich Informationen wieder.
Einen kleinen Seitenblick gewährt das Buch dann auf die Internationale Automobil-Ausstellung Berlin 1936. Hier finden sich Standfotos, Preislisten sowie die Visitenkarte und sogar der Aussteller-Ausweis von Richard Peters wieder.

Einige Geschichten von ausgesuchten Fahrzeugen werden dann mit den Auto-Biographien nachvollzogen. Als erstes wird ein Bentley 4 1/2 Ltr. Cabriolet vorgestellt, der an den deutschen Konsul in Portugal geliefert wurde. Heute ist zwar der aktuelle Besitzer nicht bekannt, aber der Bentley ist immer noch in Portugal. Dann folgt abermals ein Bentley, ein weiteres Cabriolet, welcher von Freiherr Harold von Oppenheimer im April 1938 bestellt wurde. Hier kann das Buch sogar die entsprechende Kommissionskarte präsentieren, auf der die zahlreichen Sonderwünsche ersichtlich sind. Dies Modell ist inzwischen im Besitz des Autors, der durch das Veröffentlichen der Erstauflage des Buches zu einem Kontakt zum Bentley kam. Entsprechende Anekdoten und ein Rückblick auf das Leben von Harold von Oppenheimer und seinem Bentley sind inbegriffen. Es folgt der Blick auf einen Opel Admiral der für den Hauptmann des Amtes für Rohstoffe, Carl Wilhelm Lapp geordert wurde. Durch einige Fotografien die Lapp als Dokumentation für die Herstellung seines Automobils erstellt kann der Leser hier sogar einen Blick in die damalige Produktion erhalten. Das aufwendige Modell gilt heute leider als verschollen, die Suche von Lapp nach dem Kriegsende blieb erfolglos. Ein besonderen Mercedes-Benz SS stellt das Buch anschließend vor. Das Modell wurde auf der Berliner Automobilausstellung 1934 präsentiert und war im Auftrag der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft hergestellt worden. Mit dem 200 PS starken Mercedes wurde diverse Tests durchgeführt um die Planungen für das Autobahn-Netz voran zu treiben. Der Wagen wurde bei Testfahrt auf dem Teilstück zwischen Frankfurt und Darmstadt bei einem Unfall zerstört, auch vom Wrack finden sich Bilder im Buch. Des Weiteren werden noch ein BMW 326 Cabriolet, ein Rolls-Royce Wraith und das letzte Fahrzeug von Erdmann & Rossi, der schon erwähnte Maybach SW42 vorgestellt.

Die Rückkehr von einigen sehr aufwendig restaurierten Modellen mit Erdmann & Rossi-Karosserie nach Berlin zeigt das nächste Kapitel. Die Präsentation der Sammlung von Saulius Karosas, einem vermögendem Litauer, erfolgte im April 2013 in der Orangerie des Schlosses Charlottenburg in Berlin.
Zum Abschluss folgt noch ein Register aller bekannten, von Erdmann & Rossi karossierten Automobile in denen die Kommissions-Nummer, das Bestelldatum, das Chassis, die Chassis-Nummer, die Motor-Nummer, die Karosserie-Form und der Auftraggeber soweit bekannt aufgeführt werden.

Fazit: Die Erstausgabe des Buches erreicht am Markt Höchstpreise und so war eine Neuauflage die logische Konsequenz. Der deutlich erweiterte Umfang zeigt aber auch das sich der Autor nochmals mit Hingabe auf das Thema gestürzt hat. Die Texten liefern viele wichtige Informationen und dazu noch einige tolle Anekdoten aus erster Hand. Dazu kann die rechtliche Bebilderung als echte Fundgrube gelten und zeigt eine Vielzahl der Modelle von Erdmann & Rossi. Das Layout wirkt allerdings etwas angestaubt und hätte durchaus etwas moderner gestaltet werden können. Über die recht große Schrift werden sich die vermutlich zumeist die älteren Leser aber sicher freuen. So scheint dis Umsetzung auch im Sinne der Zielgruppe erfolgt zu sein, durchaus lobenswert.
Knapp 70 Euro muss der Käufer für das Buch bezahlen und erhält dafür die vermutlich vollständigste Dokumentation der Geschichte von Erdmann & Rossi aus Berlin. Für Fans und Freunde des Karosserie-Bauers ist das Buch somit ein Standardwerk, welches in jedes Regal gehört.

Bibliografie:
Titel: Erdmann & Rossi – Nobelkarosserien aus Berlin
Autor: Rupert Stuhlemmer
Umfang: 304 Seiten, 400 Abbildungen
Format: 210 x 240 mm
Bindung: gebunden mit Schutzumschlag
Auflage: 03/2017
Preis: 69,90 €
ISBN-Nr.: 978-3938426210
Bestellbar beim Verlag unter: www.verlagkraftakt.de

Text: Marco Rassfeld
Fotos: Marco Rassfeld