Buch – A Life In Car Design

Jaguar, Lotus, TVR – dies waren einige der Marken für die Oliver Witterbottom während seiner aktiven Zeit als Autodesigner an der Entstehung von unterschiedlichsten Modellen beteiligt war. In seiner nun vom englischen Veloce-Verlag veröffentlichten Biografie blickt der Engländer zurück auf seine lange und facettenreiche Karriere in der Automobilbranche.

Das Buch kommt in klassischen und handlichen Format daher und zeigt auf dem Titel eine Zeichnung eines kompakten Lotus Sportwagen, der so nie verwirklicht werden sollte. Eine Auswahl seiner Fahrzeuge zeigt sich dann mit vielen Fotos auf dem Vorsatz, so dass der Leser einen ersten Eindruck gewinnen kann, was ihn erwarten wird. In der Einleitung erläutert Winterbottom dann die Hintergründe zum Entstehen des Buches. So wurde er von mehreren Leuten angesprochen, das ein Leben als Autodesigner doch sicher sehr interessant war und sich bestimmt ein gutes Buch daraus schreiben lassen könnte. Winterbottom machte sich dann selbst an die Arbeit und begann seine Erinnerungen aufzuschreiben aus denen schließlich das Buch entstand. In 13 Kapiteln teilt sich dann das Buch auf, um das Wirken von Oliver Winterbottom in chronologischer Reihenfolge Revue passieren zu lassen.
Zunächst erzählt er im ersten Kapitel von den ersten Anzeichen, die seit seiner Geburt im Jahr 1944 schon früh die Begeisterung für Automobile weckte. Auch das Zeichnen lag ihm und zum Beweis wird sogar ein Bild von 1952 abgebildet. Durch die Verbindung seines Vaters zu Lofty England von Jaguar erhielt er einen Ausbildungsplatz bei Jaguar in Coventry.
So startet im September 1961 das zweite Kapitel mit dem Beginn der Ausbildung. Zunächst wurde der angehende Automobil-Ingenieur in der Militär-Abteilung des Unternehmens eingesetzt und erlebte dort einige unglaubliche Geschichten, die dem Leser anschaulich wiedergegeben werden. Erst 1964 kommt Winterbottom dann aus seiner sich endlich zu den Stylisten und plant eine Teilnahme an einem Designwettbewerb in Italien.

Gerade einmal einen Monat vor Beendigung seiner Ausbildung erhält Winterbottom einen Anruf auf Italien, das sein Design die Silbermedaille beim Designwettbewerb gewonnen hat. Somit stand er schon im Alter von 22 Jahren plötzlich im Rampenlicht. Auch seine Beschäftigung bei Jaguar konnte er fortsetzen und war ab September 1966 Teil des Designstudios. Eine seiner ersten Arbeiten war die Gestaltung eines 2+2-sitzigen E-Type. Hierzu finden sich sowohl Abbildung des gefertigten Modells als auch die passenden Zeichnungen im Buch wieder. In den folgenden Jahre war Winterbottom dann an den Entwürfen des XJ6 Coupés, des XJS und einem kompakten Jaguar beteiligt. Dabei stand nicht nur das Außendesign sondern auch immer wieder das Interieur im Fokus der stilistischen Übungen. Zudem erlebte er die Verschmelzung der britischen Automobilreisen Leyland Motors und British Motors Holding an eigenen Leibe mit und wähnte hier durchaus eine Chance seinen Horizont durch mögliche neue Projekte für andere Hersteller zu erweitern. Doch die Prozesse liefen sehr langsam bei Jaguar und so blieb ihm sogar Zeit sich um weitere Projekte zu kümmern. Für seinen Freund Richard Cresswell schuf er einen Clubman Formel-Wagen. Doch strebte Winterbottom nach höherem, was er bei Jaguar kaum erreichen konnte. So kam es zu einem Gespräch mit Lotus und seinem Gründer Colin Chapman. Das Angebot umfasste sogar einen Firmenwagen und Jaguar konnte da nicht mithalten. So entschloss er sich zum Jahr 1970 fortan Manager Body Styling and Design bei Lotus zu werden und siedelte mit seiner Frau Richtung Norfolk um.
Die Zeit bei Lotus lässt Winterbottom dann im umfangreichen Kapitel 4 Revue passieren. Kein anderes Kapitel nimmt mehr Raum im Buch ein und somit wird die Wichtigkeit von Winterbottom für Lotus deutlich, ebenso wie umgekehrt. Nachdem er zunächst die mangelnde Rückwärts-Sicht beim Europa verbessern sollte folgte gleich ein komplett neues Modell als neue Aufgabe. Das Projekt M50 sollte die Basis zu einer Baureihe mit weiteren Modellen werden und startete zunächst als neues 2-Liter-Modell. Neben dem reinen Designprozess war Winterbottom auch in die komplette Konstruktion involviert und kann eigene interessante Details zur komplexen Erschaffung eines Automobils vorstellen. Es endete mit der Vorstellung des Elite im Jahr 1974 und das Ergebnis war ein interessanter Sportwagen mit Kombi-Heck. Auch zum daraus entstandenen Eclat als Coupé-Variante war Winterbottom maßgeblich beteildigt. Dazu schuf er das goldene Dekor des Europa Twin-Cam Special und war an den Projekten M60 und M80 ebenfalls beteiligt. Sein Vertrag lief allerdings trotz offensichtliche Erfolges Ende 1974 aus und wurde von Chapman nicht verlängert.
Stattdessen stellte er Winterbottom bei JCL Marine an. Hier kam WInterbottem dann sogar in den Genuss Yachten zu zeichnen und zu konstruieren. Das fünfte Kapitel zeigt diese besondere Zeit und die oft auch parallelen Ansätze von Colin Chapman, sei das Produkt nun ein Auto oder eine Yacht.

Die Geschäfte mit den gleichzeitig luxuriösen und schnellen Yachten konnte aber leider die großen Löcher in den Kassen von JCL Marine nicht nachhaltig füllen und so stand Winterbottom plötzlich ohne Job da. Dabei hatte er inzwischen neben seiner Frau auch noch zwei Kinder und ein Haus zu finanzieren. Folgerichtig machte er sich selbstständig und wurde schnell mit seinen ehemaligen Kollegen mit Arbeit versorgt. So arbeitete er weiterhin für Chapman an Autos und Yachten, zeichnete ebenso die Kelly Newman 44 Motor Yacht und kam in Kontakt mit Rolls-Royce. Diese verheißungsvolle Vorstellung führte aber auf Grund unterschiedlicher Ansätze nicht zum Engagement. Interessanter war da schon der Kontakt zu TVR, die einen Nachfolger für ihr aktuelles Modell 3000 entwickelten und Winterbottom um Hilfe baten. Auch für einen österreichischen Sportwagen setzte er Zeichnungen um, ebenso wie für eine Wohnmobil auf Basis eines Bedford CF-Fahrgestells.
Kapitel 7 blickt dann zurück auf die Zeit bei TVR. Durch seinen selbstständigen Arbeiten konnte sich Winterbottom für eine Anstellung empfehlen. Hier war seine erste Aufgabe als Chefingenieur der Aufbau des neuen Forschung- und Entwicklungszentrum. Für den Nachfolger des 3000 waren neue Methoden notwendig und so entschied man sich bei TVR für die aufwendige Installation einer neuen Abteilung. Schließich konnte Eigentümer Martin Lilley sich bei einer solch umfangreichen Konstruktion nicht um alles kümmern, wie er es bisher getan hat. Das Projekt MAL 100 hatte Winterbottom schon während seiner Selbstständigkeit entwickelt und nutzte dabei auch sein vorhandenes Know-how aus der Beschäftigung bei Lotus. Das neue Modell wurde Tasmin getauft, der Name stellte eine Kombination auf Tasman und Tamsin dar. Das hochmoderne Modell war dem Zeitgeist entsprechend gestaltet und sollte noch durch eine Cabrio- und 2+2-Variante im Laufe seiner Zeit erweitert werden. Winterbottom verließ aber kurz nach der Vorstellung des Tasmin TVR schon wieder und trat einen neun Job, abermals bei Lotus, an.
Hier wurde er mit der durchaus schwierigen und anspruchsvollen Aufgabe betraut einen Nachfolger für den Elan zu entwerfen. Die Kapitelüberschrift The car that never was – part 1 lässt aber schnell vermuten das am Ende noch kein Produktionsmodell herauskam. Das Projekt M90 lief schon als Winterbottom zurückkehrte und sollte in Zusammenarbeit mit Toyota einen neuen kompakten Sportwagen als Ziel haben. Er schuf schnell ansehnliche Entwürfe, die sowohl ein Coupe als auch ein Cabrio vorsahen und auch für viele Aufmerksamkeit sorgten. Nach vielen Zeichnungen und kleinen Modellen wurde ein 1:1-Modell aus Holz hergestellt und den Direktoren von Lotus ebenso präsentiert wurde wie den technischen Partnern von Toyota. Leider war der plötzliche Tod von Colin Chapman dann auch ein Grund um das weit fortgeschrittene Projekt zu stoppen.

Auch die finanzielle Lage von Lotus war nach dem Tod von Chapman sehr angespannt und so wurde die Entwicklung nur auf Sparflamme fortgeführt. Da nach Teil 1 auch ein Teil 2 erwartet werden kann, entführt das Buch den Leser mit dem nunmehr schon neunten Kapitel zu einem weiteren Automobil, welches nicht Wirklichkeit werden sollte. Die Zusammenarbeit mit Toyota wurde immer wieder intensiviert und so gab es Ansätze den gescheiterten M90 weiter zu entwickeln. Als neues Projekt war nun der Lotus Toyota X100 als Prototyp anzufertigen. Mit vielen technischen Komponenten des japanischen Herstellers sollte der X100 ein weiterhin kompakter Sportwagen werden. So wurde ein fahrbereiter Prototyp hergestellt und sogar entsprechende Verkaufsliteratur wurde parallel vorberietet. Der Prototyp wurde dann sogar nach Japan transportiert um den dort ansässigen Designer vorgestellt zu werden. Selbstverständlich war Winterbottom immer mit von der Partie, sah sich aber nach einer unfairer Präsentation mit einem externen Konkurrenten dazu gezwungen Lotus erneut zu verlassen.
Seine nächste Station sollte dann in den USA bei General Motors sein und brachte Winterbottom über den Atlantik nach Detroit. Nach zahlreichen vorausgegangenen Besprechungen sollte das Leben in den USA angeblich sehr viel günstiger sein und so nahm er es als Chance an. Zunächst aber musste er alleine in die USA reisen, da seine Familie über kein Visum verfügte. Er fing bei der Buick Oldsmobile Cadillac Special Vehicle Activity an, die sich in erste Linie um Kleinserien kümmerte und auch vorhandene Modelle verbesserte. Nach weniger als eineinhalb Jahren war das kurze Abenteuer aber schon wieder beendet.
Erneut hatte Lotus um Hilfe von Winterbottom gebeten. Inzwischen war Lotus eine Marke von General Motors und so konnte er seine schon vorhandenen Kontakte sinnvoll nutzen. Man arbeitete gerade am X180-Projekt, einer Modernisierung des Esprit. Das Modell sollte in Zukunft auch in den USA angeboten werden und musste daher über eine moderne Sicherheitstechnik verfügen. Winterbottom wurde mit der Installation eines Airbags im Esprit beauftragt und machte sich hier schnell einen Namen in der Branche. Seine Kenntnisse nutzen später auch die Entwickler von Opel, welche ebenfalls zum großen General Motors-Konzern gehörten. Später war Winterbottom dann noch bei der Entwicklung einer neuen Modellfamilie auf einer komplett neuen Basis beteiligt. Diese wurde durch die Übernahme von Bugatti vorangetrieben, die Lotus von General Motors erworben hatten.

Hier boten sich zunächst scheinbar viele neue Möglichkeiten die aber durch das schnelle Aus von Bugatti ebenso schnell wieder begraben werden mussten. Die malaysische Firma Proton übernahm Lotus und wollte den englischen Hersteller endlich wieder profitabel machen. Durch viele radikale Maßnahme, wie der Verkauf der Lotus Sammlung wurde Winterbottom abgeschreckt und kündigte zum August 1998 erneut.
Das letzte Kapitel beschreibt dann noch die letzten Jahren in denen Winterbottom als Berater tätig war und sich bei vielen Projekten mit seinem Wissen einbringen konnte. Im Alter von 65 Jahren ging er schließlich in den verdienten Ruhestand und kann heute auf eine in Buch dokumentierte, umfangreiche und wechselhafte Karriere in der Automobil-Branche zurückblicken.

Fazit: Ein Leben für das Automobil führte Oliver Winterbottom in viele unterschiedlichen Firmen und Länder der Welt. Dabei wurde der Wunsch des jungen Oliver Wirklichkeit, sich um das Design von Automobilen zu kümmern. Ab und wann spielten auch einige Nebenkriegs-Schauplätze eine Rolle, die er aber mit ebenso viel Hingabe erfüllte. Die Biografie ist eine tolle und interessante Reise durch die Geschichte des Automobils, im besondern natürlich dem Englischen. Die Texte sind zumeist sehr kurzweilig geschrieben und man fühlt sich fast wie im direkten Gespräche mit Winterbottom. Dazu sind einige kaum veröffentlichen Zeichnungen und Bilder abgebildet, welche die Arbeit mit Nachdruck unterstreichen. Immer wieder werden auch die Menschen um ihm herum vorgestellt und auch die finanzielle Lage begutachtet.
Für umgerechnet etwas mehr als 40 Euro kann der Leser mit Winterbottom durch die Vergangenheit reisen und seinen Werbegang anschaulich nachvollziehen. Das Arbeitsleben des Automobil-Designers liefert eine tolle Vorlage für ein Buch und ist sehr lesenswert, zumal es sich immer um Informationen aus ersten Hand handelt, die damit umso wertvoller sind.

Bibliografie:
Titel: A Life in Car Design – Jaguar, Lotus, TVR
Autor: Oliver Winterbottom
Umfang: 176 Seiten, 200 Bilder
Format: 250 x 207 mm
Sprache: Englisch
Bindung: gebunden mit Schutzumschlag
Auflage: 05/2017
Preis: £37.50
ISBN-Nr.: 978-1-787110-35-9
Bestellbar beim Verlag unter: http://www.veloce.co.uk

Text: Marco Rassfeld
Fotos: Veloce, Marco Rassfeld