Buch – Lancia 037

The development and rally history of a world champion – so der Untertitel zum neu aufgelegten Buch vom englischen Verlag Veloce Publishing. In der Classic Reprint Series werden viele längst vergriffene Titel wieder veröffentlicht und Mitte 2017 war auch das Buch über den ersten Gruppe B-Rallyewagen von Lancia wieder verfügbar. Selbst Rennfahrerlegende Walter Röhrl hält vieles vom 037, der speziell für den Rallye-Einsatz entwickelt wurde und aus Homologationsgründen auf für den Straßenverkehr verfügbar sein musste.

Das Buch ist für eine Veloce-Veröffentlichung fast schon klassisch im quadratischen Format ausgeführt und bietet so einen Kompromiss aus Kompaktheit und ausreichender Größe für viele Abbildungen. Sowohl Vor- als auch der Nachsatz zeigen dann in einem Tableau einige tolle Bilder vom Lancia 037 und bieten so einen guten Start und auch ein gutes Ende. Das Vorwort stammt dann schließlich von Walter Röhrl, der hierbei den Lancia 037 als sein favorisiertes, ehemaliges Arbeitsfahrzeug definiert. Es war der Start in die bis heute legendäre Gruppe B-Ära, aber noch hatte der Lancia „nur“ Heckantrieb, entgegen den neuen und revolutionären Audi quattro. Es folgt dann noch die Einleitung des Autors, der von seinen erstklassigen und direkten Quellen bei der Entstehung des Buches zu berichten weiß.

Bevor das Buch sich um den 037 kümmert, bekommt der Leser im Prelude aber erstmal auch einen Eindruck der vorgelagerten Ereignisse. So zeigt sich hier auch der Stratos, ein ebenfalls mit direktem Blick auf das Rallye-Reglement umgesetztes Auto das viele Erfolge einfahren konnte. Und da Lancia schon seit 1969 zu Fiat gehört ist auch der Seitenblick auf den Fiat 131 Abarth sinnvoll, das Fahrzeug mit dem Walter Röhrl im Jahr 1980 die Weltmeisterschaft erreichen konnte. Auch die Spezialisten von Abarth wurden in den Fiat-Konzern integriert und wurde immer konsolidiert, wenn es um sportliche Automobile und im besonderen um Rennwagen ging. Auch Lancia konnte beim 037 auf die Erfahrung von Abarth bauen. Entscheidender Mann beim neuen Rallyefahrzeug war Sergio Limone, der schon bei vorherigen Projekten von Abarth die Basis für den 037 legte. Der Name 037 stammt ungeschminkt von den Abarth-üblichen Projektnummer, die im Muster SE000 durchnummeriert wurden.
Einen ersten Einblick in die Entwicklung hat der Leser so schon im ersten Kapitel bekommen, das Zweite beschreibt dann schließlich The race to the starting ramp. Dabei steht nun das Jahr 1981 im Mittelpunkt und zeigt die fortwährende Entwicklung des Abarth-Projekts SE037. Zu Beginn stand noch nicht mal fest, welche Marke das Modell zugeordnet werden soll und so wurden die Prototypen mit einem Abarth-Schriftzug versehen. Der Leser bekommt durch viele interessante Aufnahmen, die größtenteils von Limone stammen, einen sehr intimen Eindruck der damaligen Abläufe und kann dabei das ein und andere mal in die Werkstatt blicken. Auch bei diversen Testfahrten, oder Aerodynamik-Tests kann der Leser zugucken und der Text liefert sehr umfassend die notwendigen Informationen dazu. Schließlich folgt die Veröffentlichung erster Bilder für die Presse im November 1981 und möglichst schnell sollte die Produktion starten. Um bei den Rallyes anzutreten war eine Stückzahl von 200 Exemplaren vorab zu produzieren und durch die Regelhüter abzunehmen. Die Rallye-Version zeigte Lancia dann zum ersten Mal bei einem Presseevent auf der Fiat-Teststrecke La Mandria. Hier präsentierte das Martini Racing Team den neuen Gruppe B-Rallyewagen in der kompletten Kriegsbemalung.

Das nächste Jahr sollte als a testing year gelten, denn Lancia erwartete vom neuen 037 keinesfalls Unmögliches. Im April 1982 trat der neue Lancia bei der Rallye Costa Smeralda zum ersten Mal bei einer Rallye an. Beide Fahrzeuge fielen aber aus und kamen nicht in Ziel, bei beiden war das Getriebe der Ausfallgrund. Der Sieg ging derweil an Michele Cinotto und Emilio Radaelli auf einem Audi quattro. Dieser war mit den Vierradantrieb ein besonderer Gegner und sollte den Lancia 037 im gesamten Verlauf seines Rallye-Lebens begleiten. Auf dem zweiten Platz fand sich interessanterweise ein Lancia wieder, allerdings ein klassischer Stratos. Nach und nach wurde der 037 in immer mehr nationalen und internationalen Rallyes eingesetzt und wurde immer zuverlässiger. Das Reglement ließ zu, dass Evolution-Modelle gebaut werden konnten, von denen dann nur 20 Exemplare gebaut werden mussten. Natürlich entwickelte Lancia so auch den 037 weiter und präsentierte schließlich den Evolution 1. Dieser war schnell vom Urmodell zu unterscheiden durch die größeren Hauptschweinwerfer und wartete natürlich mit zahlreichen weiteren Optimierungen auf. Schon im August bei der Rallye Madeira wurde der Evolution 1 dann schon zum ersten Mal eingesetzt. Im gleichen Jahr konnte man auch die Verpflichtung von Walter Röhrl als Fahrer für das Jahr 1983 bekanntgeben. Der Deutsche konnte seinen Weltmeistertitel im Jahr 1982 wiederholen, diesmal auf einem Opel Ascona 400. Lancia spielte im Jahr 1981 noch keine wichtige Rolle, aber nutzte die Möglichkeit den 037 weiterzuentwickeln.
So ging es Onward to victory im folgenden Jahr 1983 und schon bei der ersten Rallye der Weltmeisterschaft in Monaco konnte der Lancia seinen ersten Sieg in der Rallye-WM feiern. Walter Röhrl konnte gemeinsam mit seinem Beifahrer Christian Geistdörfer zum dritten Mal die wichtigste Rallye des Rennkalenders gewinnen. Dabei war es gleichfalls der dritte Sieg auf einem Rallyewagen eines unterschiedlichen Herstellers hintereinander. Gemeinsam mit Markku Alén war Röhrl einer der Stammfahrer und sie konnten vier weitere Siege im Jahr 1983 einfahren. So reichte es in der Endabrechnung für den Gewinn der Herstellerwertung in der Rallye-WM, die Fahrer-Weltmeisterschaft ging allerdings an Hannu Mikkola im Audi quattro. Der Allradantrieb war gerade auf losem oder rutschigem Untergrund dem Zweiradantrieb des Lancia überlegen, aber bei den Prüfungen auf Asphalt war der Lancia 037 zumeist nicht schlagbar. Auch die Entwicklung für die nächste Evolutionsstufe schritt voran und man experimentierte hierzu auch mit einem zusätzlichen Turbolader, der den verbauten Kompressor unterstützen sollte. Die Anpassungen sorgten im Heckbereich für große Veränderungen und der Prototyp erhielt den Namen Mazinga, nach einem Monster in einem japanischen Cartoon. Der Evolution 2 verzichtete aber auf die Doppelaufladung und wurde in anderen Bereichen dennoch weiter optimiert. Optisch war vor allem der Entfall der Heckschürze ein Indiz für die neuste Evolutionsstufe.

1984 ging Lancia dann Not without a fight an den Start der Rallyes und während Walter Röhrl nach Audi wechselte, blieb Markku Alén Lancia weiterhin erhalten. Aber gegen den natürlich ebenfalls stetig weiterentwickelten Audi quattro war der Lancia 037 mehr und mehr chancenlos. Im gesamten Jahr gelang nur ein Sieg und zum Ende des Rennjahres betrat Peugeot mit dem ebenfalls allradangetriebenen 205 Turbo 16 die Bühne und konnte auf Anhieb überzeugen. Die Zeiten des Lancia schienen gezählt, aber dennoch entwickelte man das Modell weiter und arbeitete an einer weiteren Evolutionsstufe. Diese wurde aber nicht verwirklicht, da mit dem vierradangetriebenen Delta schon ein neues Modell für den Straßenverkehr erhältlich war. Dieser sollte die Basis für den neuen Gruppe B-Rallyewagen von Lancia liefern.
Success and tragedy hieß es dann im folgenden Jahr und gleichfalls im nächsten Kapitel im Buch. Da der neue Delta S4 noch nicht fertig war, musste Lancia zu Beginn der Saison weiter auf den 037 bauen und konnte aber bei keiner Rallye mehr für Aufsehen sorgen. Trotzdem konnte man bei Lancia feiern, denn man gewann 1985 neben der Europameisterschaft auch vier nationale Meisterschaften. Hier waren die extremen Gruppe B-Rallyewagen der Hersteller nicht so oft im Einsatz und Lancia nutzte dies ideal aus.
Auch 1986 trat der Lancia 037 noch bei einigen Veranstaltungen im Rallyesport an und so war dies Jahr The final countdown. Gerade in nationalen Meisterschaften war der 037 weiterhin noch konkurrenzfähig und sorgte für die ein oder andere Überraschung. Das Ende war aber absehbar, denn Lancia setzte offiziell schon längst auf den Delta S4 dessen Motor im übrigen mit einer Kombination aus Kompressor- und Turbo-Aufladung angetrieben wurde. Hier schließt sich schließlich der Kreis zum schon vor drei Jahren getesteten Mazinga. Auch das Ende der Gruppe B wird im Buch kurz beschrieben um dies besser nachvollziehen zu können.

Owning and driving 037s ist dann der Titel zum mittlerweile schon achten Kapitel im Buch über den Lancia 037. Hier findet der Leser noch echte Fahreindrücke aus unterschiedlichen 037 wieder. Auch viele Bilder des Chassis 001 finden sich hier wieder. Dieses befindet sich heute in Besitz von Fiat und trägt sogar die Abarth-Projektnummer am Heck. Neben Chassis 018 der ersten Serie findet sich auch Chassis 302 wieder, der ein Evolution 1-Modell war.
Im Anhang bietet das Buch dann noch einen Überblick über die Einsätze des Lancia 037 bei unterschiedlichsten Events, bei der chronologisch alle Einsätze mit Startnummer, Besatzung, Resultat und oft auch das eingesetzt Chassis genannt werden. Leider ist die Tabelle nicht übersichtlich gestaltet aber die Vielzahl der Informationen ist beeindruckend.
Zum endgültigen Abschluss listet das Buch dann noch alle Chassis-Nummern auf, die teilweise mit Einsatz-Team und auch mit Kennzeichen versehen sind.

Fazit: Als einer der ersten Rallyewagen nach Gruppe B-Reglement ist der Lancia 037 Teil der aufregendsten Zeit im internationalen Rallyesport. Der Einsatz des Lancia 037 war zur damaligen Zeit eine echte Überraschung, denn Audi hatte mit dem Allradantrieb den eigentlichen Weg in die Zukunft des Rallyesports aufgezeigt. Doch die Italiener beriefen sich zunächst auf ihr Können und schufen eine kompromisslose Fahrmaschine, die mit Mittelmotor und Heckantrieb auf eine klassische Kombination setzte. Dazu kamen auch einige taktische Kniffe um Audi schließlich im Jahr 1983 nochmal die Weltmeisterschaft abzuringen. Dies ist nur ein Grund für den Mythos des Lancia 037 und er ist bis heute eines der bekanntesten Modelle der Marke Lancia. So ist ein Buch über den Rallye-Weltmeister für Fans des Sports und auch der Marke sicher interessant. Durch die erstklassigen Quellen, die Autor Peter Collins zur Verfügung standen kann das Buch auch mit eine Vielzahl an einmaligem Bildmaterial für Aufmerksamkeit sorgen und bringt den Leser in viele geheime Ecken der Rennabteilung bei Abarth. Dazu gibt es auch tolle und einmalige Geschichte der damaligen Rennfahrer, die persönlich mit ihren Erinnerungen am Buch teilhaben.
Für umgerechnet knapp über 50 Euro kann man das fraglos beste Buch zum Lancia 037 erstehen und man sollte sich dabei erneut beeilen. Bei Verlag selbst ist das Buch schon erneut ausverkauft und es dürften nicht mehr viele Exemplare an Markt erhältlich sein, ob es jemals eine deutsche Umsetzung geben wird ist dabei auch völlig unklar. Eine Wertsteigerung ist in jedem Fall garantiert.

Bibliografie:
Titel: Lancia 037 – The development and rally history of a world champion
Autor: Peter Collins
Umfang: 224 Seiten, 343 Farb- und Schwarz/Weiß-Bilder
Format: 250 x 250 mm
Sprache: Englisch
Bindung: gebunden mit Schutzumschlag
Auflage: 6/2017
Preis: £45.00
ISBN-Nr.: 978-1-787111-28-8
Bestellbar beim Verlag unter: http://www.veloce.co.uk

Text: Marco Rassfeld
Fotos: Lancia, Marco Rassfeld