Buch – Porsche 356 – made by Reutter

Bei der Entstehung und frühen Entwicklung der Marke Porsche war die Stuttgarter Karosseriewerk Reutter & Co. GmbH ein tragender Pfeiler. Bei einer hohen Anzahl des ersten Modells, dem 356, war Reutter für die Fertigung eines Großteils der Karosserien sowie der Innenausstattung verantwortlich. Delius Klasing veröffentlichte vor kurzen eine erweitere Auflage der Unternehmensgeschichte aus der Feder des Insiders Frank Jung.

Eine bunte Armada an Porsche 356 zeigen sich auf dem Titel des Buches.

Der Autor ist nicht weniger als der Urenkel von Albert Reutter, der 1909 als Kaufmann in das von seinem Bruder Wilhelm gegründete Unternehmen eintrat und somit an der Entwicklung fast von Anfang an beteiligt war. Heute schließt sich für Jung der Kreis auch beruflich, denn im Januar 2018 übernahm er die Leitung des historischen Archivs bei Porsche. Doch nun zu eigentlichen Buch, welches im klassischen Hochformat umgesetzt wurde und auf dem Titel gleich einen Blick in die Produktion des 356 wirft. Auf der tollen, historischen Aufnahmen lassen sich viele Porsche in den unterschiedlichsten Farben entdecken und spiegeln zudem auch gleich den Zeitgeist wieder. Auf der Rückseite finden sich zwei weitere Bilder, die von einem Klappentext begleitet werden. Deutlich wird hier schon, dass die Auswahl der verwendeten Materials auf ausschließlich historische Fotos zurückgegriffen wurde. Das Buch blickt besonders auf die gesamte Geschichte der „Vernunftehe aus Sympathie“ zwischen Porsche und Reutter. Dazu lässt die Stärke des Buches auch auf einen gewaltigen Tiefgang hoffen …

Für Wanderer stellte man ein bemerkenswerten Stromlinienwagen her.

Nach dem Aufschlagen findet man gleich auf den Vorsatz einen Übersichtsplan vom Werk II in Zuffenhausen wieder, in dem die unterschiedlichen Stationen der Fertigung sich befanden. Das folgende Inhaltsverzeichnis zeigt einen Überblick über die Struktur des Titels, welches sich in viele Abschnitte unterteilt. Hier wird dem Leser auch gleich die zu erwartenden Masse an Informationen vor Augen geführt und man kann die chronologische Aufarbeitung der Ereignisse erkennen. Es folgt zunächst das Vorwort zur ersten Auflage aus dem Jahr 2011, welches noch von Dieter Landenberger geschrieben wurde. Dieser war bis 2017 Leiter des Historischen Archiv bei Porsche, ehe er die Leitung Heritage bei Volkswagen übernahm. Die Einleitung gibt dann schon einen ersten Vorgeschmack auf den Inhalt mit einem Bericht aus dem Reutter Spiegel aus dem Jahr 1955. Dieses und weitere historische Dokumente wurden zur Aufarbeitung der Historie Reutters und somit zur Erstellung des Buches genutzt.
Die Zeit von 1906 bis 1918 bilden dann die Grundlage zum ersten Kapitel, welches die frühen Anfänge der Firma darlegt. Hierbei war vor allem die Reform-Karosserie von 1909 ein echter Erfolg und verband die Eigenschaft des Phaetons mit denen einer Limousine.

Neben der Produktion des 356 stellte man auch Prototypen her.

Die Jahre 1918–1930 begannen mit schwierigen Zeiten nach dem ersten Weltkrieg, aber brachte seitens Reutter doch relativ schnell wieder die erforderlichen Aufträge. Doch dem technischen Wandel konnte sich auch Reutter nicht entziehen und präsentierte als Zeichen der möglichen Leistungen auf der Automobilausstellung in Berlin in Jahr 1921 eine ziselierte Aluminium-Karosserie. Man fertige für diverse Firmen wie Maybach, Minerva, Ley, Mercedes, Buick oder Benz und hatte ein hohes Ansehen.
Deutlich konnte man die Entwicklung der Fahrzeugen auch in den Jahren 1930–1940 erkennen. Diese unterschieden sich schon deutlich von den ersten kutschenhaften Automobilen und wurde immer weiter optimiert. Mit der Auto Union konnte man einen neuen, wichtigen Kunden gewinnen und fertige viele Karosserien für Wanderer. Aber auch Maybach, Mercedes-Benz oder BMW ließen bei Reutter fertigen. Durch die Übernahme des englischen Leveroll-Patents für Sitzschienen wurden aber auch von der Karosseriefertigung unabhängige Produkte angeboten.
1940 bis 1949 stand dann lange unter dem Schock des zweiten Weltkrieges, noch 1940 fertigte man bei Reutter für BMW eine letzte, zivile Karosserie im Stromliniendesign nach Prof. Wunibald Kamm. Im Krieg fertigte man dann gezwungenermaßen Bombenschlitten und Flugzeugrümpfe für Messerschmidt. Nach dem Krieg begann man sehr bescheiden und bot aber schon bald Busaufbauten an, während man für BMW auch an der Entwicklung des späteren 501 beteiligt war.

Die Modellpalette des 356 war schon sehr umfangreich.

Die Anfänge der Zusammenarbeit mit Porsche haben ihre ersten Ursprung im ersten Auftrag vom 1930 gegründeten Konstruktionsbüro von Ferdinand Porsche. Der Porsche Typ 7 war in Wirklichkeit der erste „Porsche“ überhaupt und eine Auftragsarbeit für Wanderer. Auch der Typ 8 war für Wanderer bestimmt, bleib aber ein beeindruckendes Einzelstück welches verschollen ist. Die neben dem Text immer zahlreicheren abgebildeten Fotos zeigen diesen Wagen aus unterschiedlichen Perspektiven und auch einige Details und können sicher auch heute noch den ein oder anderen begeistern. Der Typ 12 war eine erste, vorsichtige Annäherung in Richtung des späteren Käfers. Hier aber noch ein Auftrag von Zündapp, mit dem Typ 32 wurde die Idee schließlich für NSU verfeinert. Auch hier wurde das Modell letztendlich nie produziert, aber mit dem Typ 60 wurde die Entwicklung zum Käfer mit dem Reichsverkehrsministerium und dem Reichsverband der Automobilindustrie immer konkreter. Die führt auch noch zu der Spezialkarosserie des Berlin-Rom-Wagens (Typ 64) und dem Kübelwagen (Typ 62).
Ab dem Jahr 1949 folgt dann die jährliche Darstellung der Ereignisse im Nachgang des zweiten Weltkrieges und liefert erstaunlich viele und tiefgreifende Informationen zu den vielschichtigen Entwicklungen. Die alten Produktionsanlage von Porsche waren noch von den Alliierten besetzt und konnten deshalb noch nicht im vollen Umfang wieder genutzt werden. Porsche floh während des Kriegs nach Österreich und nahm zur Karosseriefabrik Reutter Kontakt auf um die Produktion des ersten Modells mit eigenem Markennamen in Deutschland zu verwirklichen. Hierzu finden sich auch einige historische Dokumente wieder, welche auch den Schirftverkehr belegen. Leider ist hier die Abbildung oftmals sehr klein gewählt, so dass diese nicht gut erkannt oder gar gelesen werden könnten.

Ein Blick in die unterschiedlichen Teile Produktion ermöglicht eine Zeitreise.

1950 begann dann schließlich der Start der Produktion. Die erste Karosserie begutachtete Ferry Porsche im März 1950 gemeinsam mit Erwin Komenda und Ferdinand Porsche intensiv. Zugleich fiel dem Senior die ungleich Ausrichtung der Karosserie auf, wie später von seinem Sohn berichtete wurde. Nur der Beginn einer über Jahre hinweg strengen Kontrollen der Ergebnisse. Nach der Fertigung der Karosserie und der komplette Innenausstattung folgte der Transport über 11 Kilometer in die Porsche Produktionshallen, wo der Wagen mit Motor und Antriebsstrang komplettiert wurde. Viele interessante und auch nicht ausnahmslos bekannte Aufnahmen zeigen die ersten Modelle und verdeutlichen die ursprüngliche Reinheit des Entwurfes.
Schon 1951 konnte man den 1.000sten Porsche feiern und die Erfolgsgeschichte nahm ihrem Lauf. Das Buch arbeitet akribisch jedes Jahr mit vielen Details und allen erwähnenswerten Änderungen ab und liefert ein echten Wissenschaft über den Porsche 356 und die Firma Reutter, sowie die Beziehung zu Porsche. Nach der Übernahme durch Porsche endete die Geschichte der Karosserieproduktion und der neue 901 bzw. 911 wird von Porsche in Eigenregie gefertigt.
Das Buch liefert dann noch einen bildgewaltigen Rundgang durch die Produktion bei Reutter von Lager bis zur Endkontrolle. Ehe die Werbung von Reutter bzw. Porsche das Buch schließlich enden lässt.

Fazit: Das Buch liefert in der nun nochmals erweiterten Auflage einen beeindruckenden Blick auf die Produktion des Porsche 356, dessen Karosserien und Innenausstattungen zu einem großen Teil bei Reutter gefertigt wurden. Neben den sehr informativen Texten liefern eine Vielzahl an Bildern bemerkenswerte Eindrücke aus der jeweiligen Zeit. Auch die Anfänge des Karosseriebetriebs werden zum Start beleuchtet, ebenso wie die Anfänge von Recaro. Somit hat der Leser ein umfassendes Werk in den Händen, welches mit einer sehr großen Tiefe in sämtliche Themen einsteigt. So erfährt man zum Beispiel immer wieder von den schwierigen Verhandlungen mit Porsche über Anschlussaufträge oder auch die Entwicklung der Sitzbeschläge für Liegesitze.
Für knapp unter 40 Euro kann dieses Buch ohne Frage als Schnäppchen durchgehen, denn der gebotene Inhalt ist vermutlich von unschätzbarem Wert. Für die zahlreichen Porsche-Fans, im speziellen natürlich die des 356 sollte dieses Buch ein weiteren Platz im Regal wert sein.

Bibliografie:
Titel: Porsche 356 – made by Reutter
Autor: Frank Jung
Umfang: 336 Seiten, 718 Fotos und Abbildungen
Format: 235 x 217 mm
Bindung: Gebunden mit Schutzumschlag
Auflage: 2., erweiterte Auflage 04/2019
Preis: 39,90 €
ISBN-Nr.: 978-3-667-11585-0
Bestellbar beim Verlag unter: www.delius-klasing.de

Text: Marco Rassfeld
Fotos: Karissa Hosek ©2018 Courtesy of RM Sotheby’s, Marco Rassfeld