Buchbesprechung – Das Steyr-Baby und seine Vorfahren

Die Automobilindustrie in Österreich ist heute noch recht erfolgreich, aber eine eigenständige Marke haben die Österreicher schon lange nicht mehr zu bieten. Eine der erfolgreichsten Marken aus Österreich war Steyr, die aus der gleichnamigen Stadt kamen und durchaus beachtenswerte Automobile herstellte. Ein völlig überarbeitetes Buch aus dem österreichischen Weishaupt Verlag bietet in der zweiten Auflage einen Rückblick auf die Automobile aus Steyr.

Im klassischen, handlichen Format zeigt der erste Eindruck ein solides Buch, welches eine durchaus beachtliche Dicke aufweist. Ein Schutzumschlag wird mitgeliefert und zeigt das selbe Druckbild wie das Buch. Das Steyr Baby steht hierbei prägnant im Vordergrund, während sich im Hintergrund weitere Modelle aus der Historie zeigen. Nach drei kleinen Vorworten und Einleitungen gliedert sich der Titel in sechs Kapitel mit nachfolgendem Epilog und Anhang. Eine umfangreiche Reise durch die Zeit. Das erste Kapitel startet nämlich mit der Entstehung der Firma unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen und politischen Lage. Ein entschiedenen Anteil am ersten Erfolg hatte Josef Werndl, der den Betrieb seines Vaters übernahm. Nach einigen Studienreisen optimierte er die hiesige Waffenproduktion und führte mit seinen Ingenieur Karl Holub einige interessante Neuerungen ein. So waren die Produkte der Waffenfabrik bald weltweit gefragt, und mit 17.000 Mitarbeiter war sie während des ersten Weltkriegs das zweitgrößte Unternehmen in Österreich. Immer wieder suchte Werndl aber auch nach weiteren Produktionen und so wurde schon früh der Einstieg in die Elektrotechnik beschlossen. So fertige man bald auch Dynamos und Glühbirnen. Nach dem plötzlichen Ton von Werndl wurde die Produktion dieser wegweisenden Produkte schnell wieder eingestellt. Schließlich stieg man in Kooperation mit der englischen Coventry Maschinist Co. Ltd. in die Produktion von Fahrrädern ein und machte wie viele Automobilhersteller erste Erfahrungen mit den Velos.

Ein erste Blick auf die sogenannten Waffenautos aus Steyr erfolgt dann schließlich im zweiten Kapitel. Zunächst stand aber ein gewaltiger Neubau an. Die Produktion von Automobilen brauchte natürlich deutlich mehr Platz als die Waffenproduktion. Das erste Modell entwickelte Dr. Hans Ledwinka, der geniale Konstrukteur kam von der Nesselsdorfer Wagenbau-Fabriks-Gesellschaft, die zunächst keine Investitionen für den Automobilbau vorsahen und so den genialen Konstrukteur nach Steyr ziehen lassen musst. 1920 stellte man dann das erste Modell mit der Bezeichnung Typ II vor. Der Typ I war lediglich dem ersten Versuchsfahrzeug vorbehalten. Das Buch blickt intensiv auf jedes hergestellte Modell und zeigt sowohl die Technik als auch einiges der Werbung für den Typ II. Bis zum Jahr 1924 konnten von Typ II immerhin 2.150 Exemplare fertigt werden. Spätestens hier wird dem Leser die gut Bebilderung auffallen, die viele kaum gesehene Aufnahmen bietet und die Automobile auf tollen, zeitgenössischen Fotos zeigt. Auch werden stetig die Entwicklungen der Fabrik und der Firma verfolgt. So wurden bald auch LKW’s hergestellt, ab 1922 konnte der Typ III als erster LKW aus Steyr käuflich erworben werden. Im selben Jahr war auch der Typ IV verfügbar, ein kleineres Modell das neben dem Typ II das Angebot nach unten erweiterte. Mit dem Typ VI gesellte sich zudem noch ein Sportmodell dazu. Schon ab 1920 beteiligten sich die Steyr-Werke auch an diversen Rennveranstaltungen, die damals zur Werbung sehr beliebt waren. Auch hier lässt sich im Buch vieles entdecken. Die Produktentwicklung schritt schnell voran und der Typ V löste 1924 den Typ II ab und der Typ VII im Jahr 1925 stammt ebenfalls von diesem Ur-Typ ab. Er konnte mit verbesserter Steigfähigkeit und einer breiteren Spur gegenüber dem Typ V aufwarten.

Die Automobile waren schnell anerkannt, allerdings warfen Sie nicht unbedingt einen hohen Gewinn ab und die Herstellung wurde ständig weiter optimiert. Die revolutionären amerikanischen Produktionsmethoden zogen auch bald in die Werke von Steyr ein. Der Typ XII war dann das erste mit modernster Fleißbandtechnik hergestellte Fahrzeug aus steyrischer Produktion. Die Einsätze im Rennsport führten zu internationaler Anerkennung, dennoch zog man sich Ende 1927 aus dem Rennsport zurück. Durch die technischen Innovationen in der Produktion war mittlerweile eine andere Käuferschicht in den Fokus gerückt, eine Werbung durch den Motorsport war in den Augen der Strategen nicht mehr notwendig. Die teilweise tiefgreifenden Rationalisierungen führten aber in den Werken zu einigen Streiks und Aussperrungen. Auch diese unangenehmen Themen lässt das Buch nicht aus und vollzieht die Ereignisse gut nach. Mitte/Ende der 20er Jahre waren Weltreisen mit dem PKW sehr beleibt und einige konnte erfolgreich mit Steyr-Fahrzeuge abgeschlossen werden. Hier zeigt das Buch einige interessante Geschichten und tolle Aufnahmen aus diversen Erdteilen. Anfang 1929 wurde Dr. Ferdinand Porsche als Vorstandsmitglied bestellt und löste damit eine Welle der Begeisterung aus. Zwei Modelle prägte Porsche während seiner kurzen Zeit maßgeblich mit. Zum einen das geplante Spitzenmodell Austria und den Typ 30. Der Austria war ein Luxusmodell, welches allerdings zur Unzeit präsentiert wurde und auch nicht dem Bedarf der Kunden entsprach. Der Typ 30 stellte hingegen eine grundlegende Überarbeitung des Typ XX dar und wurde als Typ 45 sogar in einer speziellen Taxi-Varinate angeboten.

Ende der 20 Jahre gab es herbe Einbrüche in der Produktion zu Vermelden und zudem war die Nachfrage durch große Schwankungen geprägt. Die Steyr-Werke kaschierten die Verluste zunächst noch, konnten aber die schwierige Situation nicht mehr beherrschen. Von 1929 bis 1933 wurden nach heutigem Maßstab 73 Millionen Euro Verlust geschrieben und der Sanierungsaufwand von 1930 bis 1931 belief sich auf zusätzliche 57 Millionen Euro. Mit der schwierigen Lage beim größten Arbeitgeber wurde auch die Situation der Menschen in Steyr immer schwieriger. In Zusammenarbeit mit Opel brachte Steyr dann den ersten Kleinwagen auf den Markt. Der Opel-Steyr 4,5/22 PS wurde im Volksmund schnell als „Stöppel“ bekannt. Nach nur einem Jahr und lediglich 343 gefertigten Modellen wurde die Kooperation mit Opel wieder beendet. Schon Ende 1929 übernahm die Creditanstalt die Bodencreditanstalt und hatte somit Einfluss auf Austro-Daimler-Puch und Steyr. Die Modellpolitik wurde sofort durch eine Arbeitsgemeinschaft abgestimmt und 1934 folgte schließlich die Fusion zur Steyr-Daimler-Puch AG. Im selben Jahr kam es in Steyr gar zum Bürgerkrieg und die Zustände waren verheerend.
Das Thema Stromlinie war in jenen Jahren sehr gefragt und Steyr stellte schon im März 1934 auf der Wiener Internationalen Automobil- und Motorradaustellung den Typ 100 vor. Auch dieses Modell zeigte auf den weiterhin angesehenen Weltumrundungen seine Zuverlässigkeit. Für Kunden denen die moderne Stromlinienform nicht zusagte, stellte man 1935 den Typ 530 vor, der eher eine klassische Linie anbot. Die Stromlinie war auch konsequent beim neuen Kleinwagen von Steyr berücksichtigt und der Typ 50, der ab 1936 gebaut wurde, verdankt die Stromlinie seine konsequente Form. Schnell war der Kosename „Baby“ für das neue kleine Modell gefunden und die Produktionszahlen schnellten schnell nach oben. Dies heute noch vermutlich bekannteste Modell der Marke Steyr wurde 1940 nach einer zwischenzeitlichen Überarbeitung zum Typ 55 wieder eingestellt. Hier stand aber die mögliche Konkurrenz zum deutschen KdF-Projekt dem Baby im Weg. Die letzten PKW von Steyr waren die 1936 vorgestellten Typ 200, eine Ableitung des Typ 100.

Im letzten Kapitel zeigt das Buch dann nochmal nach wie es zur Einstellung der PKW-Produktion kam. Auch die letzte Entwicklung des Typ 70 wird noch dargelegt. Der zweite Weltkrieg forderte aber andere Mittel als Fahrzeuge für den Privatmarkt und deshalb wurde die Produktion im Jahr 1941 komplett eingestellt.
Im folgenden Epilog wird aber auch die Zeit nach dem Krieg noch kurz dargelegt und auch die Wiederaufnahme der Produktion mit der Hilfe von Fiat fehlt natürlich nicht. Nachdem zunächst reine Montagearbeiten durchgeführt werden, konnte der Steyr 2000 im Jahr 1951 mit eigenem Motor vorgestellt werden. 1958 aber war endgültig Schluss mit der Produktion von Automobilen. Nicht unerwähnt bleiben die Akten mit neuen Modellen mit dem Steyr-Label, die aber durch Entscheidung den Kleinwagen U2 bei Puch fertig entwickeln zu lassen, entgültig geschlossen werden konnten.
Der Anhang bietet dann noch zahlreichen Zahlen und Daten rund um die Automobile von Steyr. Hier finden sich die Produktionszahlen, eine Übersicht über die Motoren, aller Modelle und auch der Kühlerfiguren.

Fazit: Ein wirklich umfassender Blick auf die historische Automobil-Produktion in Steyr. Durch die Berücksichtigung von vielen historischen Bildern, den wirtschaftlichen Prozessen im Hintergrund und auch den schweigen Phasen mit den Kriegen erhält der Leser einen lückenlosen Einblick in die damals erfolgreiche österreichische Marke. So stellt das Buch das absolute Standardwerk dar und hat auch keine echte Konkurrenz zu fürchten.
Die Umsetzung des Buches ist technisch solide und lässt keinen Anlass zur Kritik.
Zum Preis von 49,90 € kann man ein Stück Automobilgeschichte erwerben. Für Freunde der vergangenen Marke Steyr ein ohne Frage unverzichtbares Buch. Aber auch Menschen mit generellen Interesse am historischen Automobil können bedenkenlos zuschlagen und werden sicher die ein oder andere interessante Geschichte wiederfinden.

Bibliografie:
Titel: Das Steyr-Baby und seine Verwandten
Autoren: Karl-Heinz Rauscher, Franz Knogler
Umfang: 304 Seiten
Format: 205 x 285 mm
Bindung: Hardcover mit Schutzumschlag
Auflage: 2., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage / Neuauflage
Preis: 49,90 €
ISBN-Nr.: 978-3-7059-0382-1
Bestellbar beim Verlag unter: www.weishaupt.at

Text: Marco Rassfeld
Fotos: Von FOTO:FORTEPAN / Szánthó Zoltán, CC BY-SA 3.0, Link, Weishaupt Verlag, Marco Rassfeld