Buch – Strom-Linien-Form

Die Faszination des geringen Widerstands – so der Untertitel zu einem neuen Buch aus dem Olms Verlag. Die Entwicklung der Aerodynamik spielte auch in der Geschichte des Automobils eine wichtige Rolle. Das Buch blickt auf die vielfältigen technischen Entwicklungen und stellt gleichzeitig den Titel zur gleichnamigen Ausstellung im Zeppelin Museum Friedrichshafen dar.

Das Buch ist recht kompakt ausgeführt und begeistert durch einen toll gestalteten Bezug, der einen Rennwagen von Auto Union zeigt und auch ein Motorrad mit skurillen, aerodynamischen Optimierungen. Selbstverständlich beides im Sinne der Stromlinienform. In stattlichen 18 Kapitel werden die unterschiedlichen Seiten der Stromlinie dem Leser präsentiert. Um die einzelnen Themen fundiert zu präsentieren konnte Herausgeber Hans-Dieter Görg unterschiedliche Autoren engagieren. Und so taucht der ein oder andere bekannte Name auf. Doch der Start obliegt noch den Grußworten von Matthias Wissmann und Bernd Lange, dem Geleitwort von Claudia Emmert und dem Vorwort des Herausgebers. Allesamt erzählen von der Entwicklung der Ausstellung und auch der Idee zum Buch. Es folgt das erste Kapitel von Lennard Löfdahl der auf die Theorie und Grundlagen der Stromlinie blickt. Als Einstieg zeigt sich wieder eine Zeichnung von Rony Lutz, der für jeden Kapiteleinstieg eine passende Zeichnung liefert. Mit einem sehr technischen Text zeigt das Buch im ersten Kapitel die Fakten hinter dem Ansatz der Aerodynamik und liefert die wichtige Basis. Das die Luftschiffe einen wichtigen Teil der aerodynamischen Entwicklung spielten, ist sicher unstrittig und so wird auch dieses im Titel in Form des zweiten Kapitels berücksichtigt. Und auch die Installation der ersten Windkanäle und deren Funktion werden in einem Extra-Kapitel erläutert.

Dann folgt mit dem vierten Kapitel der erste konkrete Blick auf das Automobil und die Formen von Paul Jaray. Der in Österreich geborene Jaray ist für viel Pionierarbeit in der Aerodynamik verantwortlich, war unter anderen auch beim Flugzeugbau Friedrichshafen aktiv und war hier für einige Luftschiffe verantwortlich. Nach dem ersten Weltkrieg wurde der deutschen Industrie aber die Arbeit in Bereichen der Luftfahrt verboten und Jaray widmete sich dem Automobil. Die noch recht junge Technologie hatte noch eine Menge an Optimierungsbedarf in der Aerodynamik und Jaray sah zudem seine Chance seine bereits erlangten Erkenntnisse hier zu nutzen. 1921 stellte er der Luftbauschiff Zeppelin GmbH seinen Entwurf vor, die eine Umsetzung intensiv prüfte. Dieses Kapitel zeichnet sich auch dadurch aus, das der Autor Jerry Sloniger den Ingenieur noch kurz vor seinen Tod treffen konnte und mit ihm über die Ereignisse sprechen konnte. So erhält der Leser die Informationen wirklich aus erster Hand.
Neben der reinen Optimierung der Aerodynamik ist es natürlich auch erforderlich, das die entsprechenden Mittel zur Verfügung stehen, um die Überlegenheit der Technologie zu demonstrieren. Dies war in der Vorkriegszeit natürlich ein gefundenes Fressen für die Nationalsozialisten, die mit der Verwicklung der Autobahn und auch rekordkonformen Abschnitten einen nicht zu unterschätzenden Beitrag leisteten. Auch dies wird im Buch berücksichtigt.

Durch die Unterstützung vom Staat konnten die beiden deutschen Automobilfabrikanten Auto Union und Mercedes-Benz für ihre überlegenen Grand Prix-Wagen auch optimierte Stromlinien-Karosserien umsetzen. Mit diesen jagten sie dann bei den sogenannten Rekordwochen nach diversen Rekorden. Hier zeigen zwei Kapitel von Peter Kirchberg und Karl Eric Ludvigsen die entsprechenden Geschichten und auch die Dramen die rund um die damaligen Ereignisse stattfanden. Wie im gesamten Buch zeigen viele historischen Aufnahmen die auch heute noch faszinierenden Rennwagen. Ein Blick in die Werke der Hersteller und auf einige Details lassen die Bilder erfreulicherweise ebenfallszu. Aber nicht nur die Fortschritte in Europa werden thematisiert, auch ein Blick in die USA liefert das Buch. So zeigt sich in einem eigenen Kapitel die etwas andere Entwicklung mit durchaus interessanten Automobilen. Dabei wird schnell deutlich, das die Gedanken der Stromlinie zumeist von kleineren Marken umgesetzt wurden. So finden sich unter anderem Cord, Tucker, Hudson und Studebaker wieder. Nicht immer war der Ansatz dem geringen Luftwiderstand geschuldet, sondern oft auch der reinen Schönheit. Die Notwendigkeiten des Motorsports förderten Modelle wie den Dodge Charger Daytona und Plymouth Roadrunner Superbird und somit schufen die Hersteller echte Legenden.

Die Welt der Züge blieb ebenfalls nicht unbeeinflusst von der Aerodynamik und der Schienenzeppelin war nur ein Highlight aus der Geschichte. Der niemals realisierte Breitspur-Schienenzeppelin sollte auf vier Stockwerke bis zu 650 Passagiere bei einem Tempo von 260 km/h befördern können. Durch das Ende des zweiten Weltkriegs wurde diese Pläne aber abrupt beendet.
Nicht uninteressant sind die Entwicklungen rund um die Motorräder, die zu teilweise kuriösen Fahrzeugen führte. So war Ernst Henne mit einigen BMW’s ein wichtiger Fahrer und Förderer der verbesserten Aerodynamik bei Motorrädern. Es entstanden auch komplett verkleidete Motorräder, mit denen es auf Rekordjagd ging.
Auf den Motorsport sind natürlich viele Entwicklungen der optimieren Aerodynamik zurückzuführen und diese werden im Kapitel Wettbewerbsfahrzeuge zusammengefasst. Hier zeigen sich nochmals die Rekordwagen von Auto Union und Mercedes-Benz, die ersten Entwicklungen der Spoiler mit dem Porsche 550 Spyder von Michael May und den Chaparral von Jim Hall. Dieser nutzte auch mit seinen 2J den Ground Effect um den Wagen sprichwörtlich am Boden festzusaugen. Dieses Prinzip wurde später sogar in die Formel 1 durch Lotus mit großem Erfolg transferiert. Auch das heutige DRS-System mit den Klappflügeln zur Verbesserung der Überholmöglichkeit wird thematisiert.

Als der Dieselmotor als alternativer Antrieb für die Automobile immer wichtiger wurde, nutzten die Hersteller abermals Rekordfahrten um diesen bekannt zu machen. Natürlich auch um die mögliche Leistung zu unterstreichen. So stellte Hanomag mit dem Hanomag-Diesel-Stromlinie-Rekordwagen im Jahr 1939 gleich vier Weltrekord auf. Opel stellte mit einem auf GT-Basis aufgebauten Diesel-Rekordwagen im Jahr 1972 in drei Tagen Fahrt gleich 18 internationale Klassenrekorde und zudem zwei Weltrekorde ein. Auch der Dieselstar von Fritz B. Busch und der VW ARVW dürfen natürlich nicht fehlen.
Dem Mercedes C111 hingegen wird ein eigenes Kapitel gewidmet. Der ursprünglich für die Erprobung des Wankel-Motors entwickelte Sportwagen nutzte alsbald ebenfalls die Möglichkeiten des Diesel. Mit der dritten Ausbaustufe führte man mit hohen Aufwand Rekordfahrten durch und erreichte einen sensationellen cw-Wert von 0,183. Gleich neun Weltrekord konnte man bei den Rekordfahrten in Nardo einfahren. Sehr beeindruckend ist auch heute noch die Durchschnittsgeschwindigkeit von 314,463 km/h über 12 Stunden! Erst 23 Jahre später brach Volkswagen mit dem W12 diesen Rekord.
Es folgt noch ein Blick auf die Aerodynamik heute, die Restaurierung eines Tatra 87, weitere aerodynamische Formen im Alltag sowie ein Blick auf Rony Lutz, der die erstklassigen Zeichnungen zum Buch lieferte. Hier kommt es allerdings im Text zu einigen Irritationen, da die Texte nicht immer passend zu den Bildern gesetzt wurden. Die Miniaturen einiger Rekordwagen beschließen dann das Buch endgültig.

Fazit: Eine spannende Reise in die Geschichte der Stromlinie liefert das Buch zur sicher interessanten Ausstellung im Zeppelin-Museum in Ludwigshafen. Der Großteil der Kapitel beschäftigt sich mit dem Automobil, ohne aber das große Ganze zu vernachlässigen. So zeigt es die Vielfältigkeit der gefälligen, windschnittigen Form und sicher kann der Leser die eine oder andere Rarität entdecken. Neben den reinen Texten zeigt das Buch auf zahlreichen historischen Aufnahmen die Entwicklung auch bildlich sehr gut nach. Dazu bietet das Buch noch die tollen Zeichnungen von Rony Lutz. Durch die Auswahl an kompetenten Fachautoren kann sich der Leser zudem über eine fundierte Wissensbasis bewusst sein.
Das recht kompakte Buch ist für günstige 24,95€ erhältlich und ist für die Vor- oder Nachbereitung des Besuchs in der Ausstellung eine sichere Empfehlung. Aber auch ohne einen Besuch lässt sich einiges Entdecken und das Buch mit Freude lesen und begutachten.

Bibliografie:
Titel: Strom-Linien-Form – Die Faszination des geringen Widerstands
Herausgeber: Horst-Dieter Görg
Umfang: 227 Seiten, ca. 360 Abbildungen
Format: 226 x 2655 mm
Bindung: gebunden
Auflage: 11/2016
Preis: 24,95 €
ISBN-Nr.: 978-3-487-08581-4
Bestellbar beim Verlag unter: www.olms.de

Text: Marco Rassfeld
Fotos: Olms Verlag, Marco Rassfeld