Buch – 300 SL – Das Jahrhundertauto

Der Mercedes-Benz 300 SL als Jahrhundertauto zu bezeichnen, wie bei neuen Buch aus dem Motorbuch Verlag, wird sicherlich kein Auto-Kenner generell abstreiten. Denn der Sportwagen mit der internen Typenbezeichnung W198 ist der Start einer bis heute erfolgreichen Modellreihe. Das er dabei auf einem erfolgreichen Rennwagen basiert und mit den heuten legendären Flügeltüren ausgestattet war, sorgten damals wie heute schnell für hohe Faszination. Doch wie faszinierend ist das neue Buch von Hans Kleissl und Harry Niemann über den 300 SL?

Auf den ersten Blick kann das Buch schon mal mit einem großen Format und einem stattlichen Gewicht punkten. Dazu ein stilvolles Coverbild mit zwei Exemplare in Flügeltür- und Roadster-Form, die den Appetit auf den Inhalt anregen sollen. Beim Blick ins Buch folgt nach dem schon beeindruckend umfangreichen Inhaltsverzeichnis zunächst das Vorwort. Hier erläutern die Autoren die Idee hinter dem Buch, natürlich sind diese sich bewusst das dem W198 schon zahlreiche Bücher gewidmet wurden. So streben sie mit dem Titel keine weitere technische Dokumentation an, sondern wollen vielmehr das Lebensgefühl der 300 SL-Fahrer damals und heute wiedergeben. Aber auch einige Interessante Episoden aus der Geschichte der 300 SL werden dem Leser präsentiert. So zeigt das erste von 33 Kapiteln zurück auf den Rennwagen W 194, der als 300 SL ab 1952 auf den Rennstrecken einige Erfolge für die Stuttgarter Marke einfahren konnte. Hierbei wird zunächst die schwierige Lage nach dem Ende des zweiten Weltkrieges darlegt und die ersten vorsichtigen Schritte der Automobil-Hersteller. Das zunächst einfache Fahrzeuge gefragt waren und es noch keinerlei Bestrebungen nach kostenintensiven Renneinsätzen gab, ist fraglos nachvollziehbar. Aber schon zur IAA im Jahr 1951 stellte Mercedes-Benz den Typ 300 vor, der auch in der Entwicklung zum 300 SL eine wichtige Rolle spielen sollte. Der Motor war die Ausgangsbasis für das neue Renntriebwerk und schon im April 1952 konnte der Presse der neuen 300 SL auf einer gesperrten Autobahn vorgestellt werden. Einen Monat später nahm man dann an der Mille Miglia in Italien teil und konnte gleich einen ehrbaren zweiten Platz feiern. Bis zum Festfressen einer Flügelmutter am Hinterrad waren Karl Kling und Hans Klenk lange in Führung, ehe sich dieses Problem ausgerechnet bei letzten Boxenstopp bemerkbar machte. Der Einstand war aber absolut gelungen und die moderne Konstruktion konnte begeistern. Der erste Sieg folgte beim zweiten Rennen, den Preis von Bern und auch das hochangesehene 24 Stunden Rennen in Le Mans konnte der 300 SL für sich entscheiden. Zum Jubiläumsrennen auf den Nürburgring startete dann erstmals die Roadster-Version des 300 SL und Mercedes-Benz feierte einen Vierfach-Triumpf. Die Geschichte zum Unfall mit einem Geier während der Siegesfahrt bei der Carrera Panamericana fehlt im Buch natürlich auch nicht. Schon während dieser Einleitung wird deutlich, dass das Buch mit einem sehr stimmigen Layout umgesetzt wurde und auch immer wieder großflächige, historische Abbildungen ihren würdigen Platz finden.

Für das Jahr 1953 wollte Mercedes-Benz ursprünglich nicht an den kommenden Sportwagen-Rennen teilnehmen, ehe doch eine Weiterentwicklung beschlossen wurde. So entstand der W 194/II für die neue Saison der mit allen Mitteln der Kunst optimiert wurde. Im Lasterhaft standen unter anderem eine Benzineinspritzung zur Leistungssteigerung und das Ziel einer besseren Gewichtsverteilung. Auch die Aerodynamik wurde optimiert und durch die entstandene, kantige Front war der neue 300 SL schnell als Hobel bekannt. Durch den Beschluss im folgenden Jahr an der Formel 1 teilzunehmen wurde der Renneinsatz des neuen Sportwagens aber doch nicht mehr möglich und der W194/II sollte ein Einzelstück bleiben.
Die drei wichtigen Personen, die an der Entwicklung des Serien-Sportwagens 300 SL beteiligt waren stellt das nächste Kapitel vor. Rudolf Uhlenhaut war für die Gesamtkonzeption verantwortlich, Hans Scherenberg für die Benzineinspritzung und weitere Details am Motor und Friedrich Geiger schließlich ist das Design zu verdanken. Der Werdegang jedes dieser Herren wird dem Leser präsentiert, nicht ohne dabei auf sehenswertes Bildmaterial zu verzichten. Fest steht in jedem Fall das die Genialität der drei Mercedes-Männer für die Entstehung eines ganz besonderen Sportwagen unabdingbar war.
Das es überhaupt zur Produktion des 300 SL im Serientrimm kam, hat Mercedes-Benz seinem damaligen US-Importeur Maximilan E. Hoffman zu verdanken. Dieser hatte mit viel Geschick nach dem Ende des zweiten Weltkrieges in den USA ein wahres Import-Imperium aufgebaut und war schnell von denn Rennerfolgen des 300 SL angetan. Er deutete gegenüber Mercedes-Benz darauf hin an, dass sich ein solches Fahrzeug in den USA als Sportwagen sicher gut verkaufen lässt. Auf Basis des Rennwagens aus dem Jahr 1952 wurde dann der Flügeltürer entwickelt und konnte auf der New Yorker Autoshow im Februar 1954 zum ersten Mal dem zahlungskräftigen US-Publikum präsentiert werden. Natürlich war neben der reinen Sportlichkeit aber auch ein hohes Komfortniveau gefordert und so wurde der W 198 I zum klassischen Gran Turismo. Die USA war fraglos der wichtigste Markt, denn immerhin wurde etwa 80 % der Flügeltürer neu in die USA geliefert. Auf den Straßen in Europa war das Modell noch weniger gefragt und so auch ein echter Exot.

Das Buch blickt dann auf den 300 SL vom Privatfahrer Werner Engel, der ein echte Besonderheit war. Schließlich begann die Fahrgestellnummer seines Fahrzeug mit 8927, dies ist ein direkter Hinweis auf Rennwagen oder Prototypen von Mercedes-Benz. Vermutlich stellten diese Ziffern die Kostenstelle der Rennabteilung dar.
Auch zahlreiche weitere Fahrer setzten den W 198/I bei unzähligen Rennsportveranstaltungen ein und konnte viele Erfolge für die Stuttgarter Marke einfahren. Dies bewies auch die hohe Standfestigkeit und Zuverlässigkeit des 300 SL, seine Schnelligkeit war damals auf absoluten Top-Niveau. Viele Bilder zeigen den 300 SL im Renneinsatz und nehmen den Leser mit in die 50er Jahre.
Ein ganz besonderer Erfolg gelang dann dem Amerikaner Gunter Thiel, der mit einem roten 300 SL das Eifelrennen auf dem Nürburgring im Jahr 1957 gewinnen konnte. In der GT-Klasse über 1.600ccm war der Amerikaner nicht zu schlagen. Zu verdanken hat er dieses auch seinen vorherigen Einsätzen auf dem Nürburgring, die ihn zu einem erfahrenen Rennfahrer werden ließen. Gerade auf der Nordschleife eine wichtige Komponente. Dem Motorsport blieb der deutsch-stämmige Thiel zeitlebens verbunden.
Ein weitere Amerikaner spielte in der Geschichte des 300 SL ein einmalige Rolle. So trat Chuck Porter mit einem 300 SLS an einigen Rennen teil. Offiziell gab es von Mercedes-Benz keinen 300 SLS, dieser geht auf die Initiative von Porter zurück. Im Jahr 1956 erstand er einen verunfallten 300 SL und stattete ihn im Rahmen des Neuaufbaus mit einer eigener Karosserie aus. Diese war augenscheinlich inspiriert vom 300 SLR, einem Rennwagen der technisch kaum etwas mit dem regulären 300 SL gemein hat. Um eine höhere Motorleistung zu erreichen stattete Porter dem SLS sogar mit einem Kompressor aus, was tiefgreifende Eingriffe in die Technik erforderte. So war unter anderem auch die Anpassung der Kurbelwelle erforderlich. Lange galt der SLS nach seiner Rennkarriere als verschollen, tauchte aber 1999 wieder auf und wurde inzwischen durch eine aufwendige Restauration auf den Stand von 1956 gebracht.

Eine besondere Beziehung zum 300 SL hatte auch der Schwede Uno Ranch, der im Jahr 1955 eine solches Fahrzeug erwarb. Beim Großen Preis von Schweden im selben Jahr konnte Mercedes-Benz einen vollen Erfolg feiern und siegte mit dem 300 SLR und Juan Manuel Fangio am Steuer in der Rennsportklasse und einem 300 SL in der Sportwagenklasse, der von Karl Kling gefahren wurde. Im folgenden ermöglichte man Ranch ein Treffen mit den Werksfahrern und dabei sorgte sein Bericht von anhaltenden Bremsproblemen an seinen 300 SL für eine Einladung nach Deutschland. Karl Kling wollte dem Schweden behilflich sein und so wurde der Wagen mit einer Duplex-Bremse ausgerüstet und zwischen den Beiden entstand eine echte Freundschaft.
Einen besonderen 300 SL-Flügeltürer setzte Alberico Cacciari bei der Mille Miglia im Jahr 1956 ein und weiteren Rennveranstaltungen ein. Sein silberner Flügeltürer hatte eine der wenigen Alu-Karosserien. Lediglich 29 Exemplare wurden so gebaut und das Buch erzählt die Geschichte dieser Fahrer-Fahrzeug-Kombination in einem kurzen Kapitel mit vielen Bildern. Hier wird auch der heutige Verbleib des 300 SL nachvollzogen.
Ein weitere mit Alumium-Karosseire ausgestatteter Flügeltürer führte Don Ricardo zu Rekorden. Der Wagen wurde 1955 an Max Egon Becker ausgeliefert, der sich mit seiner Firma Radio Becker eine Namen gemacht hatte. Becker setzte den Sportwagen bei diversen Rallye-Veranstaltungen ein und verkaufte den Wagen Ende der 50er Jahre in die USA. Hier kam der Wagen schließlich später in die Hände von Don Ricardo, der den Wagen für einen Höchstgeschwindigkeitlauf auf den Salzseen von Bonneville optimierte. Es gelang dann wirklich ein Rekord mit dem mittlerweile 16 Jahre alten 300 SL. Im Schnitt zweier Läufe erreichte Ricardo 247,42 km/h und war fortan schnellster Mann bzw. Wagen in der Klasse E der GT Sportwagen. Stattliche 35 Jahre sollte es dauern ehe der Rekord gebrochen wurde. Bis zu seinem Tod verblieb der Wagen in der Hand von Ricardo was zeigt das er eine enge Verbindung zu dem Wagen hatte.
Ein weiterer Rekord scheint noch ungewöhnlicher, fand er doch auf den Fahrrad statt. Ein 300 SL spielte dabei eine entscheidende Rolle, denn er sollte den französischen Rad-Rennfahrer José Meiffert zum Rekord ziehen. Zunächst setzte man Motorräder als sogenannte Steher ein um den nachfolgenden Radfahrern den notwendigen Windschatten zu bieten. Doch ab 1951 wurden die Geschwindigkeiten immer schneller und wegen eines besseren Windschatten setzte man auch Automobile ein. Der 300 SL von Adolf Zimber wurde das Zugfahrzeug der auf einem Autobahn-Abschnitt bei Freiburg im Jahr 1962 Meiffert ziehen sollte. Die dabei erzielte Geschwindigkeit ist bis heute nicht gebrochen worden, denn immerhin erreichte er mit 204,778 kn/h als erster Mensch überhaupt mehr als 200 km/h. Das dieser Versuch extrem gefährlich war, war Meiffert durchaus bewusst wie man an einem Zettel den er bei sich trug eindrucksvoll nachvollziehen kann.

Neben diesen durchaus interessanten Geschichten zu den Besitzern der 300 SL und seinen augenscheinlich vielfältigen Einsatzmöglichkeiten zeigt das Buch auch einige prominente Besitzer in Text und Bild. So lässt sich Playboy Porfirio Rubirosa ebenso entdecken wie der Prinz Aga Khan und Gunter Sachs. Neben den Personen verfolgt das Buch auch immer die Geschichte der 300 SL Flügeltürer nach und klärt über den Verbleib auf.
Bis hierhin bildete nur der Flügeltüren die Basis der einzelnen Kapitel im Buch, ehe nun der Blick auf den Roadster fällt. Zunächst wird der Prototyp des Roadster vorgestellt der die Entwicklung vorantreiben sollte. Für eine Bildreportage engagierte Mercedes-Benz den Amerikaner David Douglas Duncan, der auch zur Einführung des Roadster eingestellt wurde. Dazu begleitete er mit seinem schwarzen 300 SL Flügeltürer den Prototypen des Roadster bei Testfahrten in den Schweizer Alpen und die Bilder faszinieren bis heute. Das Duncan dazu ein engen Kontakt zu dem Künstler Pablo Picasso hatte, veranlasste ihn zur Übersiedlung nach Südfrankreich. Auch dieser war vom 300 SL im übrigen fasziniert.
Zur Einführung des Roadsters in den USA setzte Mercedes-Benz einen neuen SLS auf Basis des W198 II in der amerikanischen Sportwagenmeisterschaft ein. Dieser bescherte Paul O’Shea den Gewinn der Meisterschaft vor Carol Shelby auf Maserati. Die beiden dafür vorbereiteten Exemplare gelten bis heute als verschollen. Die bei historischen Rennveranstaltungen sind zwar immer wieder SLS am Start, diese sind aber allesamt Nachbauten.
Schließlich wird der Roadster auch noch recht umfangreich vorgestellt und seine Verbesserungen gegenüber den Flügeltürer verdeutlicht. Und auch weitere kleinere Geschichten rund um den 300 SL als Roadster lassen sich noch entdecken, so hält das Buch sicher für viele noch die ein oder andere Überraschung parat.
Ganz ohne einige technische Details kommt das Buch dann aber nicht aus und bietet im Anhang noch die technischen Daten, eine Übersicht der erfolgten Modifikationen und die erhältlichen Farben und Ausstattungen.

Fazit: Ein Buch zum 300 SL ist sicher keine Besonderheit, gilt doch das Modell als eine der Ikone der Automobil-Historie und ist entsprechend gut dokumentiert. Aber der Ansatz des neuen Buches aus dem Motorbuch Verlag ist erfreulicherweise recht unkonventionell. Der Leser erhält zwar alle wichtigen Standard-Informationen aber eben auch viele kleine Geschichten rund um den Flügeltürer und Roadster. Diese zeigen ein ums andere Mal wirklich interessante Menschen und auch die entsprechenden Modelle des 300 SL. Zudem wird immer wieder der aktuelle Zustand der konkreten Fahrzeuge nachvollzogen und die gesamte Geschichte der einzelnen 300 SL erzählt. Schade allerdings das hier immer wieder, scheinbar zwanghaft, die Firma von Hans Kleissl genannt wird. Sicher ist dies  eine der besten Anlaufstellen für den 300 SL aber eine solch plump platzierte Werbung hat man eigentlich gerade aus diesem Grund nicht nötig. Dazu ist das Buch mit einer hohen Anzahl an tollen Bilder ausgestattet, die auch ein ums andere Mal erfreulich großformatig platziert werden. Auch hierdurch ist das Lesen des Buches erfreulich kurzlebig. Dazu kann das gewählte Layout mit moderner Umsetzung und guter Typografie punkten und macht das Buch zum Augenschmaus.
Die technische Umsetzung des Buches ist solide, lediglich ein leichter Geruch wird mitgeliefert, der beim Blättern immer wieder in die Nase kriecht.
Der Preis von 99 Euro ist recht stolz, aber schreckt die echten 300 SL-Fahrer und -Fans sicher nicht ab das Buch zu erwerben. Dafür erhält man eine erfreulich ungewöhnliche Darstellung des ersten SL aus dem Hause Mercedes-Benz, dessen sollte man sich am besten vorher bewusst sein.

Bibliografie:
Titel: Mercedes-Benz 300 SL – Das Jahrhundertauto
Autoren: Hans Kleissl, Harry Niemann
Umfang: 368 Seiten, 298 s/w Bilder & 111 Farbbilder
Format: 245 x 305 mm
Bindung: gebunden mit Schutzumschlag
Auflage: 07/2017
Preis: 99,00 €
ISBN-Nr.: 978-3-613-03960-5
Bestellbar beim Verlag unter: www.motorbuch.de

Text: Marco Rassfeld
Fotos: Motorbuch Verlag, Marco Rassfeld