Buch – Ferrari – The Golden Years

70 Jahre Ferrari – auf einen solch langen Werdegang kann der italienische Renn- und Sportwagen-Hersteller mittlerweile zurückblicken. Dazu wurden schon unterschiedlichste Aktionen durchgeführt und zahlreiche Treffen in diversen Länder der Welt fanden statt. Auch der Buchmarkt nutzt natürlich dieses Jubiläum und so erschien bei italienischen Giorgio Nada Editore ein neues Ferrari-Buch mit dem Untertitel The Golden Years.

Das Buch begeistert schon beim ersten Blick mit einem tollen Titelbild auf dem Enzo Ferrari sich mit einigen Mechaniker unterhält und im Vordergrund ein Rennwagen zu erkennen ist. Der Einband lässt auf der Rückseite schon einen ersten Eindruck vom Buch zu, welches vor allem durch die Bilder des Fotografen Franco Villani die Geschichte der Marke erzählen möchte. Dazu kommt noch die Tatsache, das der Titel im einem großen Format umgesetzt wurde und auch ein stattliches Gewicht aufweisen kann. Der Fokus liegt dabei offensichtlich auf der Rennhistorie von Ferrari, die äußerst vielfältig war. Der erste Eindruck ist somit durch und durch positiv. Verantwortlich für das Buch ist Leonardo Acerbi, der als Kenner von Ferrari gilt und bei Giorgio Nada auch schon einige interessante Bücher veröffentlicht hat. In der Einleitung wird dann auch hierauf nochmal eingegangen, denn schon vor 20 Jahren wurde das Buch zu 50 Jahre Ferrari von Acerbi und Giorgio Nada herausgegeben und 10 Jahre später auch das nächsten passende Jubiläums-Buch. Das aktuelle Buch bildet aber keine 70 Jahre ab, sondern endet symbolisch im Jahr 1988. Da starb der Firmengründer und Namensgeber Enzo Ferrari.
Es folgt dann das erste Kapitel, dass die Jahre 1947 bis 1949 abdeckt und die Anfänge zeigt. Zunächst werden die entscheidenden Vorkommnisse in einem Text, der in Italienisch und englisch ausgeführt ist, dem Leser wiedergegeben. Als Geburtsstunde gilt der 12. März 1947 als der erste Ferrari 125 S zum ersten Mal bewegt wurde. Er hatte zwar noch keine Karosserie, aber die folgte kurze Zeit später. Schon zwei Monate später nahm Ferrari dann an seinem ersten Rennen teil und setzte auf Fahrer, die er aus seinen Einsätzen für Alfa Romeo bestens kannte. Hier konnten sogar schon erste Führungsrunden gesammelt werden, ehe man mit technischen Defekt ausfiel. Bei vielen weiteren Rennen waren die Ferrari dann ab sofort zu finden und waren oft auch schnell ein Teil der Spitzengruppe. Nach dem einführenden Text folgen dann zahlreiche Aufnahmen die Ferrari-Rennwagen im Einsatz zeigen, oder auch Vorbereitungen zum Start, oder auch immer wieder Enzo Ferrari persönlich. Die Bilder sind auch in chronologischer Reihenfolge abgebildet und zu jedem einzelnen Bild findet der Leser eine kurze Erläuterung der Szene. Viele Modelle lassen sich schon in den ersten Jahren entdecken und verdeutlichen die bedingungslose Ausrichtung auf die Rennen.

An der Weltspitze lautet der Untertitel zu nächsten Dekade, welche die Jahre 1950 bis 1959 abdeckt. Bemerkenswert ist bis heute wie schnell sich die Rennwagen von Ferrari in der Spitzengruppe etablieren konnten. Natürlich waren die enormen Erfahrungen von Enzo Ferrari ebenso ausschlaggebend wie die Leistung der Ingenieure und Fahrer. So war Aurelio Lampredi ein genialer Konstrukteur, der für die Motoren von Ferrari verantwortlich war. Dies erfährt der Leser unter anderem in der erneut vorhandenen Einführung zum Kapitel. Auch einige Fahrer wie Alberto Ascari, Gigi Villoresi, Vittorio Marzotto und Umberto Maglioli waren für den Erfolg verantwortlich und setzten auf die Rennwagen von Enzo Ferrari. Aber auch persönliche Schicksalsschläge wie der Verlust seines Sohnes musste Ferrari hinnehmen und werden im Text aufgearbeitet. Dann folgt die nun schon knapp 60 Seiten starke Bildteil zu den 50er Jahren. Schnell wird hier auch die stetige Evolution und mitunter auch die Revoltion der Rennwagen deutlich. Schon die ersten Modelle in Form des 195 S Berlinetta mit Touring-Karosserie haben sich vom ersten Modell deutlich entfernt. Die Aerodynamik spielte eine immer wichtige Rolle und machte die Wagen optisch anschaulicher. Die Grand Prix-Rennwagen hingegen waren noch recht klassisch umgesetzt. Die weltweite Vermarktung der Marke wurde immer wieder vorangetrieben und so nahm man auch an der zweiten Carrera Panamericana und Mexiko teil. Hier konnte man sofort mit einem Doppelerfolg die Zuschauer begeistern und der Einsatz war auch der großen Unterstützung von Luigi Chinetti zu verdanken, der zudem den Verkauf in den USA vorantrieb. Enzo Ferrari wollte auch bei einem der größten Rennen der Welt teilnehmen, den 500 Meilen von Indianapolis. Hier kam es im Jahr 1952 dann zum ersten Einsatz einen Ferrari Special, der aber nicht das berühmte Ferrari-Pferd tragen durfte. Vielleicht hatte Enzo eine Vorahnung gehabt, denn der 375 Indy fiel nach 41 Runden bereits aus. Bei allem damaligen europäischen Großereignissen war Ferrari immer vertreten und konnte auch einige beeindruckende Erfolge einfahren. Ob Mille Miglia, Le Mans oder Monte Carlo immer war auch Ferrari am Start. Die Bilder können ausnahmslos begeistern und zeigen neben den Ferrari-Rennwagen oft auch die damaligen Konkurrenten. Sogar erste, vereinzelte Farbaufnahmen lassen sich hier schon entdecken.

1960 bis 1969 waren dann die fabelhaften Sixties in denen Ferrari seine Vormacht oftmals noch mehr verdeutlichen konnten. 1961 gewann Ferrari mit Phil Hill die Formel 1-Weltmeisterschaft zum ersten Mal und sorgte in der neuen Formel 1-Klasse für viele Furore. Damit hatte Enzo Ferrari den Olymp des Motorsports gewonnen, obwohl es zu Beginn der Saison noch Bestrebungen gegeben hatte die neue Formel 1 mit 1,5-Liter-Motoren zu boykottieren. Mit dem Ferrari 156 F1 gelang ein echtes Meisterstück und er stellte eine ruhmreiche Evolution des 1960 eingesetzten 156 F2 dar, mit dem man schließlich auf die moderne Mittelmotor-Technologie setzte. 1960 schon konnte sich Enzo Ferrari über eine Auszeichnung der Universität von Bologna freuen und auch von diesen Bildern lebt das Buch. Selten hat man den Commendatore so lächeln sehen. Tragisch war der Unfall von Wolfgang Graf Berghe von Trips während des Großen Preises in Italien im Jahr 1961. Der Deutsche war Führender der Weltmeisterschaft und wurde am Jahresende nur von schon genannten Phil Hill noch um einen Punkt in der Endabrechnung übertroffen. Hierzu kann der Leser auch ergreifende Bilder entdecken die nur erahnen lassen wie schrecklich der Unfall von statten ging, bei dem auch 15 Zuschauer ihr Leben ließen. Deutlich werden aber auch die wirklich noch rudimentären Streckensicherungen die eigentlich das Wort Sicherung nicht verdient hatten. Wunderschöne Aufnahme gibt es dann von der alljährlichen Präsentation der neuen Rennwagen für das Jahr 1962. Die Farbaufnahmen zeigen zum ersten Mal auch die 250 GTO, der bis heute eine Legende darstellt und bei Auktionen immer wieder Höchstpreise erzielt. Eine der seltenen Aufnahmen der Straßenwagen zeigt den Formel 1-Fahrer Giancarlo Baghetti in einem 250 GT Spyder Pininfarina, dem damaligen Dienstwagen des Italieners. Die Farbaufnahmen häufen sich immer mehr und darunter sind auch einige bis heute noch nicht veröffentlichte Fotos die zum Beispiel die Präsentation des 330 LMB Berlinetta und 250 P mit den Fahrern zeigen. Auf über 110 Seiten zeigen sich die zahlreichen Einsätze der Rennwagen aus Maranello und damit auch die immer wieder währende Entwicklung bis hin zu den ersten Flügeln in der Formel 1.

Die 70er Jahre standen dann voll im Zeichen des Ferrari 312. Diese Modellbezeichnung trugen zahlreichen Rennwagen immer ergänzt um Buchstaben dabei reichte das einstige F1 als Zusatz nicht mehr aus. Schnell kam das B dazu um auf den 180 Grad Winkel des Zwölfzylinder-Motors hinzuweisen, aber auch ein T kam noch dazu für das später quer eingebaute Getreibe. Die Zahl 312 erklärte sich durch die nun reglementsmäßig erforderlichen 3 Liter Hubraum und den klassisch verwendeten zwölf Zylindern. Bei den Sport-Prototypen war der Hubraum zunächst nicht begrenzt und gegen den Porsche 917 kam der 512 S zum Einsatz. Gegen den übermächtigen Rennwagen aus Zuffenhausen war aber auch Ferrari machtlos. 1972 konnte man mit dem nun eingesetzten 312PB aber wieder die Sportwagen-Weltmeisterschaft gewinnen, Porsche hatte sich zurückgezogen. Im folgenden Jahr setzte Matra dann sehr erfolgreich seinen Rennwagen in der Meisterschaft ein und nahm Ferrari den Titel wieder ab. Zum Ende des Jahres 1973 zog sich dann auch Ferrari aus der Sportwagen-Weltmeisterschaft zurück um sich voll umfänglich auf die Formel 1 zu konzentrieren. Hier wurde auch schon 1973 die Zeit der klassischen Formel 1-Rennwagen beendet, denn der 312B3 war ein nach allen Regeln der Kunst moderner Rennwagen mit breiter Karosserie. Im folgenden Jahr konnte Ferrari dann auch schon die ersten Erfolge verbuchen, auch dank der neuen Fahrerpaarung mit Niki Lauda und Clay Regazzoni. Auch Luca di Montezemolo war an dem Erfolg beteiligt, nachdem er die Führung des Formel 1-Rennstalls übernommen hatte. Enzo Ferrari hatte großes Vertrauen in ihn und wurde nicht enttäuscht. 1975 wurde dann der 312T eingesetzt und führte Ferrari zur Konstrukteurs-Weltmeisterschaft und den Ausnahme-Fahrer Niki Lauda zu seinem ersten Fahrer-Weltmeister-Titel. Die Fokussierung auf die Formel 1 schien schnell Früchte zu tragen und Ferrari beherrschte die Formel 1. Die Formel 1-Saison von 1976 wurde dann sogar zur Vorlage für einen Hollywood-Film, denn das Duell zwischen Niki Lauda im Ferrari und James Hunt im McLaren war einmalig. Der schreckliche Feuerunfall von Lauda auf dem Nürburgring stellt dabei nur eine kleine, schreckliche Episode dar. Deutlich wird durch die herausragenden Bilder die Entwicklung der Formel 1-Rennwagen zu aerodynamisch extrem ausgefeilten Rennwagen. Die Zeit der sogenannten Einbaum-Rennwagen war endgültig vorbei.

Mit Beginn der 80er Jahre wurde die Reihe der 312er Modelle beendet und die Turbo-Technologie wurde zum wegweisenden Faktor in der Formel 1. Enzo Ferrari hatte zu Weihnachten im Jahr 1979 ein Buch an seine Kollegen und Freunde verschenkt das den schlichten Titel Enzo 80 trug. Ferrari war mittlerweile über 80 Jahre alt und war sich bewusst das es sinnvoll wäre sein bewegtes Leben zu reflektieren.  Den 1979 errungenen Formel 1-Titel durch Jody Scheckter konnte Ferrari bis zum Tod von Enzo Ferrari nicht wiederholen. Mittlerweile waren die Williams und McLaren die treibenden Kräfte in der Formel 1. Einige Achtungserfolge konnte aber noch gefeiert werden. Die gewählten Bilder sind abermals über jeden Zweifel erhaben und zeigen den immerwährenden Ehrgeiz der Italiener in der Spitzenklasse des Motorsports erfolgreich mitzuspielen.

Fazit: Ein ganz besondere Huldigung von Ferrari und den Renneinsätzen seiner Fahrzeuge. Das Buch kann durch und durch mit den Fotos aus dem Archiv von Franco Villani begeistern und zeigt eine spannende Retrospektive von über 40 Jahren Renneinsatz. Die zunächst noch zaghaften, aber doch ernsthaften, ersten Einsätze bis zu vielen Hochs und Tiefs im Laufe der Zeit. Viele Fans von Ferrari werden dieses Buch begeistert verschlingen und sich über erstmal veröffentlichtes Material freuen. Dazu liefern die entsprechenden Texte auch immer einen Blick der hinter die Kulissen geht auch die Entwicklung abseits der Rennstrecke wird immer wieder berücksichtigt. Leider sind die Texte durch die sehr feine Schrift und die verwendete graue Farbe allerdings nicht gut lesbar. Das spricht gleichfalls für die Fokussierung auf die Bilder. Dadurch dass das gesamte Buch zweisprachig in Italienisch und englisch gehalten ist, ermöglicht es eine internationale Vermarktung des Titels die es in jedem Fall verdient hat.
Technisch ist das Buch solide umgesetzt und die Farbwiedergabe der Bilder kann überzeugen. Natürlich ist einigen Bildern immer wieder auch ihr Alter anzusehen, aber somit ist auch sichergestellt das die Authentizität erhalten bleibt. Deshalb ist diese Art der Umsetzung durchaus lobenswert.
Der Preis von regulär 60 Euro ist für ein solch großes und umfangreiches Werk ein unschlagbares Angebot und die Ferraristi können und werden sicher bedenkenlos zuschlagen. Die Beschränkung auf die Lebenszeit von Enzo Ferrari hat dazu ihren ganz eigenen Charme und rücken neben den Rennwagen auch den Menschen in den Fokus.

Bibliografie:
Titel: Ferrari – Gli anni d’oro/The golden years
Autoren: Leonardo Acerbi
Umfang: 360 Seiten, Farb- und Schwarz-Weiß-Fotos
Format: 280 x 300 mm
Bindung: gebunden mit Schutzumschlag
Text: Italienisch/Englisch
Auflage: 07/2017
Preis: 60,00€
ISBN-Nr.: 978-88-7911-674-9
Bestellbar beim Verlag unter: www.giorgionadaeditore.it

Text: Marco Rassfeld
Fotos: Giorgio Nada Editore, Marco Rassfeld