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Buch – The Drive

Die Vielzahl an Modellen welche die Hersteller heutzutage im Angebot haben scheint die ehemals blühende Tuningszene ein wenig im Schach zu halten. Aber immer wieder kommt doch der Wunsch nach noch mehr Individualität bei einigen Besitzern durch und so entstehen häufig einmalige, automobile Kunstwerke. Dabei sind auch klassischen Fahrzeuge von unterschiedlichsten Optimierungen nicht ausgeschlossen. Das Buch The Drive – Custom Cars ans their Builders blickt auf die lebendige Szene.

Auf dem Titel findet sich schon eines der sicher bekanntesten Custom Cars, der Ford Mustang von Ken Block mit dem er im siebten Teil seiner Gymkhana-Serie durch Los Angeles driftet. Weitere erste bildliche Einblicke auf das 400 seitige Buch bietet dann das Vorwort der Editoren Maximilian Funk und Robert Klanten.
Der erste Abschnitt zeigt dann Custom Cars unter dem Motto Sports & Performance. Zu jedem Abschnitt folgt zunächst eine kurze Einleitung, welche auf das entsprechende Genre und seine Geschicht blickt ehe der Blick auf die einzelnen Automobile fällt. Zu Beginn zeigt das Buch dann die Fahrzeuge von Emory Motorsports, welche sich unter der Regie von Gründer Rob Emory auf die Verbesserung klassisches Porsche verschrieben haben. Hierbei sind die Modelle optisch sehr elegant und bietet gleichzeitig das ein oder andere interessante Detail. Vier Modelle stellt das Buch hiervon vor und liefert dazu auch immer die entsprechenden Hintergrundinformationen mit den erfolgten Anpassungen. Die 356 zeigen schon ein großes Spektrum möglicher Anpassungen und der entsprechende Text bietet dem Leser alles Wissenswerte. Ein sehr gelungener Start. Wie weit das Spektrum in dieser Kategorie reichen kann, zeigen gleich die nächsten Fahrzeuge, wo der Leser mit einem De Tomaso Pantera und einem wilden Ford Mustang weitere Auswüchse aufzeigen. Dann kommen die besonderen Porsche von Magnus Walker in den Mittelpunkt und in der Folge kommen unter anderen die Geländewagen von ICON, einige Buggys und auch der Eagle GT aus England zum Vorschein. Nur eine Auswahl von vielen echte Leckerbissen.

Der nächste Abschnitt blickt auf die Customs & Kustoms und ist eine Reise in die Vergangenheit. Unter den, vor allem im den USA begehrten, extrem personalisierten Modellen sind immer wieder klassischen Vorgehensweisen zu entdecken. Die Geschichte dieser Fahrzeuge kann zurückblicken bis in die 30er Jahre, in denen die ersten, heute noch beliebten Anpassungen, umgesetzt wurden. Als erste präsentiert das Buch die Schöpfungen von Gene Winfield, der vor allem durch die Zusammenarbeit mit der Filmindustrie viele einmalige Fahrzeuge schuf, so baute er für Blade Runner im Jahr 1982 gleich 25 einmalige Automobile. Zu diesem Zeitpunkt hatte er aber schon etliche interessante und unkonventionelle Autos entworfen und gebaut und war auch für die Hersteller in Detroit aktiv. Eine weitere menschliche Legende der Szene ist George Barris, der unter anderem das erste Batmobil baute und auch den Startschuss zu den Custom Cars mit dem Hirohata Mercury im Jahr 1952 gab. Auch die Modelle der Adam’s Familiy waren von Barris und unterstreichen auch hier die Verbindungen zu Hollywood. Weitere Modelle stammen unter anderem aus der Derelict-Serie von ICON, von Ed Roth oder aus dem Shop von Paradise Road. Auch der Dodge Delora, der in vielen Spielzimmern als Modell von Hot Wheels die Träume der Jungen darstellte ist vertreten.

Das sich die Individualisierung von Automobilen keinesfalls auf die USA beschränkt und vor allem in Japan eine ganz einige Szene entstanden ist zeigt, das Kapitel Japanese Street Culture. Die oftmals wirklich extremen Tuningmaßnahmen scheinen auf den ersten Blick überzogen und können somit sicher einige Automobil-Liebhaber schocken. Liberty Walk schreckt in keinem Fall von großen Namen zurück und optimiert so auch Supersportwagen vom Schlage eines Lamborghini Aventador oder gar den limitierten Ferrari F50. Aber auch die hiesigen Modelle wie die GT-R-Modelle von Nissan werden gern als Basis für extreme Umbauten genommen. Dabei scheint es egal zu sein oder es ein klassisches oder modernes Modell ist. Die Anpassungen von TRD Kyoto basieren auf den Ideen von Kei Miura, der als Superstar der Aerokits angesehen wird. Tatsächlich lässt der Nissan Silvia S14 „Boss“ kaum noch einen Vergleich zur Basis zu und beim Honda NSX und dem Scion FR-S tragen die Aerokits wirklich dick auf. Sicherlich nicht jedermanns Geschmack, aber eine Interessante Sparte des Extrem-Tunings. Eine technische Besonderheit sind immer noch die Wankel-Motoren, die in den siebziger Jahren noch als Zukunft des klassischen Otto-Motors angesehen wurden. Mazda setzte erstaunlich lange auf diese Motoren und so scheint es auch wenig verwunderlich das in Japan bei RE-Amemiya Modelle mit Wankel-Motoren im Mittelpunkt stehen. Neben der Motoroptimerung zählt aber auch die optische Anpassung zu den Starken von RE-Amemiya, dabei ist auch selbst ein Lotus Europa eine willkommene Basis. Dazu gibt es noch weitere unterschiedlichsten Fahrzeuge zu entdecken und auch die Porsche von RAUH-Welt Begriff dürfen bei der Betrachtung der Japan-Szene nicht fehlen.

Eine wiederum amerikanische Spezialität sind die Lowriders. Basis sind zumeist große Limousinen, die zu Beginn vor allem durch Latino für ihre Zwecke angepasst wurden. Ziel war vor allem die extreme Tieferlegung der Karosserie um eine lässigen Eindruck beim Cruisen zu hinterlassen. Natürlich ist eine solche Anpassung nicht im Rahmen der gesetzlichen Verschriften möglich, so dass man durch den Einsatz von Hydraulik die Anpassung der Bodenfreiheit ermöglichte. Der Gypse Rose stellt ein Urahn dieser Szene dar und darf im Buch natürlich nicht fehlen. Auch die Lowrider von Albert de Alba sind bekannte Vertreter dieser Spezies und so zeigt das Buch gleich vier Automobile dieser Lowrider-Legende. Das Familienunternehmen ist mittlerweile in der dritten Generation unterwegs und kann mit erstklassigen Umsetzungen überzeugen. Dazu liefern einige Fotos von Estevan Oriol einen tieferen Einblick in die Szene.
Auch die Hot Rods stellen eine klassische amerikanische Spezialität der Fahrzeug-Induvidualisierung dar. Die ersten Exemplare wurden in den 30er Jahren gebaut und hatten in erste Linie das Ziel auf den Salzseen für eine möglichst hohe Geschwindigkeit zu sorgen. Die Basis war oftmals ein Ford Model A, welches günstig zu erstehen war und über entsprechende Reserven verfügte. Ein ganz besonderes imponierendes Exemplar ist der Jet Hot Double Down von Fuller Moto, eine ansprechende moderne und optisch erstklassige Interpretation des Hot Rod. Aber auch die Modelle von Hollywood Hot Rod oder dem Old Crow Speed Shop sind wirklich beachtenswert, während die Mooneyes-Hot Rods weitere lebende Legenden darstellen. Auch hier zeigen sich noch tolle fotografische Eindrücke der Szene vom The Race of Gentlemen-Event und den Bonneville Salt Flats.

Der letze Abschnitt des Buches zeigt Modelle aus der Generation New School. Hier zeigt abermals schon die Einführung um welche Art Automobile es sich handelt. Die extreme Optimierung mit den aktuellen Mitteln auch bei klassischen Fahrzeugen finden sich hier wieder. Aber auch die ein oder andere kaum erwartet Umsetzung lässt sich entdecken. Zum Start zeigt sich ein rennfertiger Ford Falcon der durch Grandline Works in Japan im typischen Stil umgesetzt wurde. Wirklich extrem ist die Tieferlegung des Golf I von Pipey McGraw, der durch umfassende Maßnahmen möglich wurde und sogar über eine Straßenzulassung verfügt. Das auch in Russland das Tuning einen Markt hat zeigt der Wolga Kombi von Vladimir Sysoyev und ein optisch eher zurückhaltenden BMW 3er der ersten Serie findet sich auch wieder. Dann folgen noch ein Chevrolet Nova, ein Volkswagen Karmann Ghia und ein BMW 1502 ehe der Reboot Buggy vorgestellt wird. Ein kaum zu fassenden Fahrzeug, welches pur und ohne Rücksicht auf Kompromisse umgesetzt wurde. JRuiter wollt hiermit einen sehr schnellen und gleichzeitig extrem geländegängiges Fahrzeug erschaffen, welches als sehr gelungen gelten darf. Nach einem extremen Defender, dem Ford Falcon von Gasmonkey’s Chefmechaniker Aaron Kaufman und einen besonderen Charger folgen einige Modelle von Mike Burroughs. Der Gründer von Stance|Works hat neben einem extremen Ford Model A noch zwei sehr tiefe BMW im Aufgebot. Wobei der Rusty Slammington genannte E28 ein in der Szene bekanntes Fahrzeug darstellt. Der Plymouth Kuda von Beck Kustoms ist ein noch sich entwickelndes Projekt und mit den Ringbrothers zeigen sich noch weitere bekannte Tuner der Szene. Die vorgestellten Modelle können dabei wirklich begeistern. Den Schlusspunkt stellt dann der Ford Mustang von Ken Block dar, der für seine Filmreihe Gymkhana geschaffen wurde und sogar über Allradantrieb verfügt. Ein passender Abschluss einen vielschichtigen Reise durch die Welt der Custoim Cars.

Fazit: Ein wirklich berauschendes Buch welches die unglaubliche Bandbreite der Individualisierung von Automobile aufzeigt. Dabei sind Modelle aus allen Teilen der Welt vertreten und zeigen oft auch die lokalen Vorlieben unumwogen wieder. Obwohl sicher viele Automobil-Liebhaber einige der doch extremen Anpassungen nicht gut heißen können lohnt sich ein Blick in das Buch. Neben einige sehr persönlichen Umsetzungen lassen sich auch etablierte Firmen wiederfinden, die einen maßgeblichen Eindruck auf die aktuelle Szene haben. Sei es nun Eagle, die Ringbrothers oder Liberty Walk, welche jeweils für ihre speziellen Anpassungen bekannt sind. Das Buch kann ohne Frage auch als Inspirationsquelle für ein neues Projekt herhalten, denn die dank der gebotenen Bandbreite lässt sich mit Garantie auch für jeden Geschmack etwa finden.
Leider stand zur Rezension nicht das Original-Buch zur Verfügung und so ist keine Aussage zum hapitschen Eindruck möglich. Sicher ist aber auch so, dass die oft gescholtene Tuning-Szene durch das Buch in einem anderem Licht erscheint. Dies wird vor allem durch die vielen Hintergrund-Informationen zu den Fahrzeugen erreicht, welche einen sehr nahen Eindruck vermitteln. Für knapp 50 Euro können so bedenkenlos alle Interessierten zuschlagen und sich in diverse Welten der Automobil-Veredelung entführen lassen.

Bibliographie:
Titel: The Drive – Custom Cars and Their Builders
Herausgeber: Gestalten
Umfang: 400 Seiten
Format: 300 x 270 mm
Bindung: gebunden
Sprache: Englisch
Auflage: 05/2016
Preis: 49,90 €
ISBN-Nr.: 978-3-89955-687-2
Bestellbar beim Verlag unter: shop.gestalten.com

Text: Marco Rassfeld
Fotos: Copyright Gestalten 2017