Buch – When Motor Racing was bloody dangerous

In der langen Geschichte des Motorsports gab es einige Momente die leider nicht wirklich bildlich festgehalten werden konnten. So wurden zum einen natürlich die ein oder andere Legende geprägt, aber welcher Motorsportbegeisterte hätte nicht gerne trotzdem einen bildlichen Eindruck der Vorkommnisse? Diese Idee verfolgten auch Jan Rambousek und Petr Milerski. Ein neues Buch aus dem Verlag Delius Klasing Verlag wirft einen Blick auf ihre Arbeiten.

Das Buch kommt mit erfreulich großem Format, welches auch zum Untertitel „Ein Bildband nie gemachter Rennsportfotos“ passt. Die Bilder stehen hier so absolut im Vordergrund. Und auch bei Anblick des Buches kann man gleich eine Szene in der Boxengasse erkennen, bei der ein brennenden Silberpfeil im Mittelpunkt steht. Auch kann der halbwegs geschichtssichere Rennsport-Fan den damaligen Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer erkennen. Dieser zieht offensichtlich einen Fahrer vom Rennwagen weg um ihn zu helfen. Hier begeistert sofort der hohe Reichtum an Details. Das Buch erschien ursprünglich im belgischen WAFT-Verlag und wurde von Bart Lenaerts geschrieben. Dort ist der Titel des englischen Buches übrigens „When sex was Safe“, warum dieser nicht übernommen wurde ist nicht zu erklären. Nach dem Aufschlagen kann der Leser im Inhaltsverzeichnis einen ersten Überblick über die 21 Szenen werfen, die im Buch auf ihre Entdeckung warten. Geschickt werden hier aber keinerlei Details verraten. Das Vorwort erzählt dann zunächst noch die Geschichte der beiden Tschechen aus Prag, welche die Bilder zu verantworten haben. Und vor allem natürlich wie es dazu kam.

Gleich das erste Bild geht dann einem echten Mythos nach und zeigt die Boxengasse des Nürburgrings im Juni 1934. Unter dem Titel „Als ein Kilogramm den Unterschied machte“ zeigt es eine nächtliche Kulisse in der unter anderen die Mechaniker von Mercedes-Benz zu entdecken sind, die von der noch weißen Karosserie der Rennwagen den Lack abtragen um das erforderliche Gewicht zum Start zu erreichen. So zumindest ist die Darstellung des damaligen Rennleiters Alfred Neubauer in seinem Buch Männer, Frauen und Motoren. Bestätigt wurde die Geschichte nur durch Manfred von Brauchitsch. Bilder eines weißen Mercedes-Benz W25 sind allerdings bis heute noch nicht aufgetaucht, und auch das Maximalgewicht von 750 kg wurde beim Rennen im Nürburgring ausgesetzt, um das Feld mit möglichst vielen Teilnehmern zu füllen. Das Buch zeigt auf dem Bild noch weitere tolle Details der damals noch kleinen Rennszene. Dazu liefert es aber auch die Geschichten und blickt maßgeblich auch auf die Folgen. So kann der Leser neben den wirklich fantastischen Bildern auch einige interessante Geschichten im Buch entdecken. Zudem wird zu jedem Bild auch ein Making-of geliefert, in dem die Schwierigkeiten der Umsetzung des Bildes erläutert werden. Dann folgt zum Abschluss noch ein weiteres Detail des Bildes, welches den Ausschnitt nochmals vergrößert und die detailverliebte Umsetzung noch mehr verdeutlicht.

Die Tschechen schufen eine gesamte Serie über die deutschen Silberpfiele der Vorkriegszeit. Gleich zwölf der vorgestellten Bilder zeigen die damaligen deutschen Spitzen-Rennwagen in diversen Aktionen. Natürlich war in der Vorkriegszeit die Dichte an Fotografen noch deutlich kleiner als heute und somit sind hier in den Archiven die größten Lücken. Eine weitere Schwierigkeit bei diesen Bildern war oft das die damaligen Schauplätze heute kaum noch so erhalten sind wie früher. So waren die Bildkünstler oft nicht in der Lage die Orte zu besuchen um einen echten Eindruck gewinnen zu können und musste teilweise komplette Gebäude am Computer nachbauen. Im Buch wird auch herausgehoben welchen Anspruch die Künstler an die Bilder haben. So sollen diese keinesfalls den Eindruck von echten Fotos erwecken, sondern bewusst die verwendete, extrem fortschrittliche Computer-Technologie aufzeigen. Die Bilder und die wichtigsten Bestandteile wurde zumeist  gerendert und sind komplett dreidimensional vorhanden. So wurde ermöglicht die Szenen in sicher einmaligen Perspektiven zu zeigen. Neben den Bildern werden auch in den Texten viele Rennfahrer vorgestellt und der Leser erfährt viele Hintergrund-Information zu den damaligen Helden. Dabei nutzt das offene Layout auch historische Fotos, welche teilweise die Originalszenen zeigen und einen unmittelbaren Vergleich zulassen.

Nachdem das Buch wirklich erstklassige Bilder aus den Schlachten von Mercedes-Benz gegen Auto Union gezeigt hat, ist das Buch aber keinesfalls am Ende angelangt. So fanden die Tschechen weitere interessante Motive aus der Historie. Noch vor der Zeit der Silberpfeil war eine Tschechin im Rennsport aktiv und gemeinsam mit ihrem Mann auch erfolgreich. Dies nahmen die Künstler schließlich zum Anlass ein Bild von Elisabeth Junek zu zeigen. Aus der Vogelperspektive blickt man auf einen Boxenstopp während der Targa Florio im Jahr 1928. Der hier von Junek gefahrenen, gelbe Bugatti 35B ist fraglos auch ein wichtiger Rennwagen aus der Historie und verdient seinen Auftritt ebenso wie Junek.
Eine weitere unglaubliche Geschichte trug sich im Jahr 1940 bei der Mille Miglia zu. Das Rennen gewann BMW mit einem 328 Mille Miglia Touring Superleggera. Dieses Rennen war eines der letzten vor dem immer großer werdenden Ausbruch des zweiten Weltkrieges. So hatte man veranlasst das in jedem Fall ein deutscher SS-Fahrer der Sieger sein sollte. So fuhr Walter Bäumer als Co-Pilot an der Seite von SS-Pilot Fritz Huschke von Hanstein. Kurz vor dem Ziel aber hielten die beiden an und tauschten die Plätze, so dass nun der nicht SS-Mann Bäumer den Wagen über die Ziellinie fahren konnte. Eben diese Szene wurde bildlich nie festgehalten, bis die Tschechen diese im Computer nachbildeten.

Ein weiterer erfolgreicher Rennwagen war der legendäre Ferrari 250 GTO. Auch hierzu wurden gleiche mehrere Bilder nachgebaut und im Buch präsentiert. So zeigt sich der italienische Sportwagen in Le Mans 1962, bei der Targa Florio 1964 und bei der Tour de France im gleichen Jahr. Abermals erstklassige Bilder die wieder auch die Geschichten dahinter zeigen und hier die Rennfahrer Jean Guichet, Ulf Norinder und Claude Dubois zeigen. Heute kaum noch bekannte Namen, die aber damals durch den Einsatz des 250 GTO zu Ruhm und Ehre gelangten.
Wie selbstverständlich darf das größte Rennen der Welt auch nicht fehlen – die 24 Stunden von Le Mans. Hier blicken die Künstler in drei Bilder auf packende Szenen. Sie zeigen die Dominanz der Ford GT 40 im Jahr 1966, den ersten Gesamtsieg von Porsche im Jahr 1970 mit dem 917 und auch noch das Folgejahr in dem der Porsche 917 wiederholt das Rennen in Frankreich beherrschten.
Das letzte Bild ist dann eine Szene mit James Hunt beim Formel 1-Rennen in Fuji im Jahr 1976 bei unwirklichen Wetterbedingungen, die andere Fahrer teilweise sogar zum Aufgeben zwangen. Die Geschichte dazu liefert das Buch wie gewohnt ebenso.
Zum Schluss wird auch noch das fünfköpfige Team hinter den Bildern vorgestellt und so werden auch die Künstler gebührend berücksichtigt.

Fazit: Ein Bildband nie gemachter Rennsportfotos. Der Untertitel legt zu Recht den Fokus auf die herausragenden und begeisternden Computergrafiken einiger der wichtigsten Szenen aus der Rennsporthistorie. Die Grafiken können ausnahmslos überzeugen und werden für jeden Fan ein echter Genuss sein. Doch das Buch bietet durchaus mehr und liefert auch die entsprechenden Geschichten zu den Bildern. Stellt die Fahrer und Beteiligten vor und erläutert zudem die Folgen. Viel mehr kann man sich wirklich nicht wünschen! Dazu noch die interessanten Making-of’s, die ein ums andere Mal den hohen Aufwand bis zur Vollendung der Grafiken aufzeigt. So kann der Leser sich über eine tolle Reise durch die Zeit freuen.
Der Preis von knapp 60€ ist durch und durch gerechtfertigt und dazu trägt auch die tolle technische Umsetzung des Buches bei. Ein schönes Papier mit einer brillanten Farbwiedergabe zeigt das hier auch mit viel Hingabe gearbeitet wurde um der Passion der Künstler gerecht zu werden. Unbedingt Zuschlagen!

Bibliografie:
Titel: When Motor Racing was bloody dangerous – Ein Bildband nie gemachter Rennsportfotos
Autor: Bart Lenaerts
Umfang: 252 Seiten, 164 Computergrafiken, 29 Farbfotos, 112 Schwarz-Weiß-Fotos
Format: 297 x 297 mm
Bindung: gebunden
Auflage: 1. Auflage 2016
Preis: 59,90 €
ISBN-Nr.: 978-3-667-10918-7
Bestellbar beim Verlag unter: www.delius-klasing.de

Text: Marco Rassfeld
Fotos: Delius Klasing, Marco Rassfeld