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Buch – Röhr

Die Automobilkonstruktionen von Hans Gustav Röhr und Joseph Gauben – so lautet der Untertitel für eine neues Buch von Karren Publishing. Wie sich schnell ausmachen lässt, handelt es um die längst verschollene deutsche Marke Röhr und ihre Schöpfer. Der technische Vorsprung dieser kleinen Marke war durchaus beeindruckend, so dass später auch andere Hersteller auf die Dienste der Verantwortlichen zurückgegriffen haben …

Klein aber mit viel Stil umgesetzt – das neuste Buch über die kurzlebige Automarke Röhr.

Das Buch ist im kompakten, quadratischen Format ausgeführt und zeigt auch dem Titel ein, dem Automaniac sicher nicht unbekannten Werbemotiv von Röhr. So zeigt sich, in einer damals noch üblichen Zeichnung ein Fahrzeug von Röhr in der Seitenansicht. Dazu eine elegante Frau mit einer schwarzen Großkatze – ein Hinweis auf die hohen Ansprüche, welche Röhr an seine Fahrzeuge stellte. Die Typo mit dem Untertitel und auch dem Namen des Autor ist dabei fast unscheinbar im gleichen Stil umgesetzt und so wirkt der Titel wie aus einem Guss. Auch das ebenfalls platzierte Verlagslogo stört diesen Eindruck nicht. Die Rückseite passt sich dem Stil ebenfalls an, gibt aber mit einem Klappentext schon einen ersten Hinweis auf den Werbegang von Röhr und Dauben und zugleich dem Inhalt des Buches. Einzig der unvermeidbare Barcode und die Angaben von ISBN, Preis und Webseite des Verlages lassen auf ein neues Buch schließen. Und selbst der Buchrücken zeigt sich mit einem klassischen Röhr-Schriftzug. Somit ist der optische Auftritt des Buches wirklich sehr gelungen und kann begeistern.

Das Fahrwerk des Röhr 8 war revolutionär.

Nach dem Aufschlagen folgt ein farbiger Vorsatz ehe man scheinbar persönlich mit einem Porträt von Hans Gustav Röhr begrüsst wird. Die vollflächige Abbildung aus den Anfängen der 1920er Jahre sorgt für Eindruck. Auch das folgende Bild eines Röhr 8 Typ RA kann dann noch für Aufmerksamkeit sorgen. Dann findet man sich schnell beim Inhaltsverzeichnis wieder, welches eine Aufteilung des Buches in acht Kapitel aufzeigt, gefolgt von technischen Daten und einem Anhang.
Die Einleitung führt dann zunächst der Autor in die bibliografische Historie seiner Bücher zum Thema Röhr ein. So entstand schon 1996 ein umfangreiches Werk zu der kurzlebigen Automarke aus Hessen und konnte damals viele Liebhaber begeistern. Ein weiteres kleines Büchlein entstand dann im Jahr 2012 mit Unterstützung des August-Horch-Museums in Zwickau, welches in kompakter Form auch über neue Erkenntnisse aufklären konnte. Das nun veröffentlichte Buch bildet nun nochmals eine etwas umfassendere Darstellung der Geschichte von Röhr und bildet laut Autor auch nur eine Zwischenlösung. Viele Erkenntnisse konnten inzwischen durch neu entdeckte Akten erst belegt werden und bedürfen einer konsequenten Aufarbeitung. Man darf also gespannt sein, was hier noch folgen wird …

Auch einige Messeauftritte kann man im Buch entdecken.

Ober-Ramstädter Vorspiel lautet dann schließlich der Titel zum ersten Kapitel des Buches und blickt auf die Stadt in Hessen, welche die Basis der Röhr Werke werden sollte. Nach einer Munitionsfabrik, welche im ersten Weltkrieg erfolgreich die Werkshallen auf dem heute als MIAG-Gelände bekannten Gebiet aufbaute, folgte der erste Automobilhersteller. Die schon 1920 gegründeten Dachauer Fahrzeugwerke GmbH expandierten nach der Umbenenung in Falcon unaufhörlich und suchten nach einem neuen Produktionsgelände. So begann schon 1922 die Produktion des Falcon CA 6 6/20 PS und auch im Motorsport war Falcon aktiv und entwickelte die Modelle kontinuierlich weiter. Aber nachdem die verheerende Inflation überwinden werden konnte, kam es wenig später dazu, das die Einfuhrbeschränkungen für ausländische Hersteller aufgehoben wurden. Für viele der unzähligen deutschen Hersteller bedeutete dies das Ende, denn oftmals war die Konkurrenz deutlich moderner aufgestellt und konnte so die Fahrzeug auch günstiger anbieten. Auch Falcon musste aus diesen Gründen 1926 nach etwa 400 hergestellten Fahrzeuge die Produktion einstellen.

Selbst Rennwagen entstanden in Ober-Ramstadt.

Mit dem zweiten Kapitel Hans Gustav Röhr – ein Kopf voller Ideen wirft das Buch dann einen Blick auf den Werbegang des namengebenden Schöpfers der späteren Automobil-Marke. Er sollte gemeinsam mit einer Delegation aus Berlin und Frankfurt im September 1926 anreisen und die Gegebenheiten in Ober-Ramstadt in Augenschein nehmen. Bis dahin hatte Röhr und auch eben sein kongenialer Kollege Joseph Dauben schon einige Erfahrung mit Flugzeugen und auch Automobilen oder Motorräder sammeln können und hatte auch schon einige Prototypen eines kommenden Fahrzeugs konstruiert. Mit einem unverzichtbaren Geldgeber nahm man nun das MIAG-Gelände in Augenschein und sicherte sich dies schließlich.
Röhr lässt seinen Traum wahr werden stellt dann die Basis zu Gründung der Röhr Auto AG dar. Mit der finanziellen Unterstützung aus dem persönlichen Vermögen von Hugo Greffenius, der für die Gründung des MIAG verantwortlich war, konnte man die Anlagen von Falcon übernehmen. Man strebte weiterhin die Produktion von exklusiven Automobilen an, wollte aber nicht weniger als das sicherste Auto der Welt bauen. Die mit einer noch ungewöhnlichen Vollschwingachse ausgerüsteten Fahrzeugen sollte aus Röhr 8 in den Verkauf gelangen und erste Versuchswagen entstanden bereits Anfang 1927. Die örtlichen Gegebenheiten waren eigentlich zu klein bemessen um eine effektive Produktion sicherzustellen und stellten die Firma immer wieder vor besondere Herausforderungen.

Auch mit Adler konnte man später Automobile Erfolge feiern.

Die technische Konstruktion war vielen der etablierten Hersteller deutlich überlegen und bildete die Basis für ganze Fahrzeug-Generationen. Doch schnell stieß Röhr auf die harte Realität, wie das nächste Kapitel zu berichten weiß. Die Produktion lief zwar, aber nicht in der gewollten Menge und so stand die Firma kurz vor dem Zusammenbruch. Es fanden Gespräche mit Wanderer und Audi statt, die aber beide erfolglos endeten. Durch eine Bürgschaft der Gemeinde Ober-Ramstadt konnte man zunächst weitermachen, doch schließlich wurde das Konkursverfahren am 30. Dezember 1930 dennoch eröffnet und die Röhr Auto AG war Geschichte. Nur wenig später wurde eine neue GmbH gegründet, die sich aber schnell nicht in die geplante Richtung von Hans Gustav Röhr entwickelt und er diese deshalb verließ. Gemeinsam mit Joseph Dauben und dem engsten Mitarbeiterstab fanden sie in der Frankfurter Nachbarschaft ihren künftigen Arbietgeber – die Adler-Werke.
Das Buch verfolgt aber zunächst die weitere Entwicklung der Röhr Fahrzeuge, blickt dann in den folgenden Kapiteln aber auch noch auf die Konstruktionen von Röhr und Dauben bei Adler und Daimler-Benz. Ein Überblick über die technischen Daten über die vielen, im Buch befindlichen Modelle bildet schließlich den Schlusspunkt des Buches.

Fazit: Ein Buch über eine heutzutage kaum noch bekannte Marke stellt sicher immer ein Risiko dar. Aber die Umsetzung des aktuellen Buches von Werner Schollenberger kann dennoch begeistern. Neben dem optisch gelungenen Aufbau kann vor allem der textliche Inhalt vollends begeistern. Man spürt immer die enge Leidenschaft vom Autor für die Entwicklung der Marke und auch die Lebensläufe der wichtigsten Personen. So werden auch mehrere parallele laufende Handlungsstränge abgebildet, ohne das sich der Leser hier verlieren würde. Mit einer soliden Bebilderung erhält der Leser zudem einen guten Eindruck der betreffenden Modelle. Leider ist die Abbildungsgröße aber oftmals nur sehr klein.
Der Preis von knapp 20 Euro für ein kleines Buch schient angemessen, kann aber nach dem intensiven Durcharbeiten des Buches gar als Schnäppchen durchgehen. Die vielen Informationen stellen viele Details vor und können vollends überzeugen. Für Interessierte der deutschen Automobil-Historie ist das Buch somit ein Muss. Man darf zudem gespannt auf einen neuen, noch umfangreichen Titel blicken …

Bibliografie:
Titel: Röhr – Die Automobilkonstruktionen von Hans Gustav Röhr und Joseph Gauben
Autor: Werner Schollenberger
Umfang: 116 Seiten
Format: 210 x 210 mm
Bindung: Gebunden
Auflage: 06/2019
Preis: 19,80 €
ISBN-Nr.: 978-3-947060-04-7
Bestellbar beim Verlag unter: www.karren-publishing.com

Text: Marco Rassfeld
Fotos: Alf van Beem, Marco Rassfeld